Datenjournalismus-Projekt DebateExplorer startet

Unser Projekt DebateExplorer hat die Förderzusage der Volkswagenstiftung bekommen! Die Stuttgarter Computerlinguisten Jonas Kuhn, Andre Blessing und ich werden im Rahmen der Ausschreibung „Wissenschaft und Datenjournalismus“ in den nächsten Monaten Tools entwickeln, die via Textmining die Beeinflussung von Debatten untersuchen. Einige dieser Tools sollen nach Pro­jek­ten­de allen in­ter­es­sier­ten Jour­na­lis­ten zur Ver­fü­gung stehen. Weiterlesen

„Es geht nicht um einen kindischen Wettkampf“

spektrum.de/Spektrum der Wissenschaft, 27. Oktober 2015 Link

Michael Resch leitet seit 2003 das Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart, dessen aktueller Supercomputer zu den 20 schnellsten der Welt zählt. Vom gegenseitigen Aufrüsten hält der Herrscher über eines der schnellsten zivilen Rechensysteme Europas allerdings nichts. Im Interview warnt er außerdem vor dem Nimbus des Computer als unfehlbares Werkzeug.

Herr Resch, die USA und China wetteifern um den schnellsten Computer der Welt. Aktuell hat China die Nase vorn, aber vor wenigen Wochen haben die USA angekündigt, einen Supercomputer zu entwickeln, der einen Exaflop an Rechenoperationen pro Sekunde schafft, also eine Trillion Kalkulationen. Reizt es Sie nicht, bei diesem Wettkampf mitzumischen?

Miachel Resch: Nein, das reizt mich in der Tat kein bisschen. Wir haben völlig andere Voraussetzungen: China und die USA entwickeln mit ihren Supercomputern Atomwaffen, wir fördern die Wissenschaft und die deutsche Industrie. Wir stehen aktuell mit unseren 3,8 Petaflop gut da. Außerdem geht es mir nicht um einen kindischen Wettkampf, sondern darum, die passende Technik für unsere Anwendungen anzuschaffen. Weiterlesen

Sicherheit für jeden

Technology Review 10/2015

Lange Zeit galten Sicherheit und Nutzbarkeit unter Informatikern als unvereinbar. Dabei muss man nur den Menschen und seine Stärken ernst nehmen.

Mantra eines Informatikers: „Lieber Nutzer, bitte verwende ein möglichst komplexes Passwort aus Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen, und nutze  keinesfalls das Gleiche für verschiedene Dienste!“ Lieblingsreaktion des Durchschnitt-Nutzers: „Ok, dann nehme ich 123mail für den Mailaccount und 123ebay für Ebay, 123amazon für Amazon.“ Kein Wunder, dass manch ein Informatiker kapituliert. Aber das ist falsch, findet Emanuel von Zezschwitz von der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Man könnte sagen: die Leute brauchen keine Sicherheit, wenn sie keine wollen, aber damit dürfen wir uns nicht zufrieden geben.“ Das Problem liegt woanders, ergänzt Albrecht Schmidt vom Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion der Universität Stuttgart: „Sicherheit wurde lange von Leuten entwickelt, die nur die mathematische Seite gesehen haben.“  Nur kann sich kaum jemand komplexe Passwörter merken: „Mit dem Menschen im System gibt es keine absolute Sicherheit.“ Wer die menschlichen Fähigkeiten mitdenkt, kann die Sicherheit enorm erhöhen, betont Matthew Smith, Leiter der Arbeitsgruppe Usable Security and Privacy an der Uni Bonn: „80 Prozent gelebte Sicherheit sind besser als 100 Prozent Sicherheit, die keiner nutzt.“ Weiterlesen

Wie wird aus Datenjournalismus mehr als Teenager-Sex?

Der Stand des deutschen Datenjournalismus nach der Konferenz Datenlabor 2015 und was wir tun müssen, wenn wir unsere Möglichkeiten nicht länger verschenken wollen.

Datenjournalismus ist wie Teenager-Sex: alle reden davon. Keiner weiß so richtig, wie es geht. Jeder denkt, alle anderen tun es. Und deshalb behaupten alle, dass sie es tun. Diese Sätze  habe ich von dem US-Psychologen Dan Ariely geklaut – und auch leicht abgewandelt. Es ist mir kürzlich bei einem wissenschaftlichen Vortrag über Bigdata über den Weg gelaufen. Und das, was im wissenschaftlichen Zusammenhang Bigdata ist, erscheint mir im Journalismus derzeit der Datenjournalismus. Der Begriff wird inflationär verwendet, und jede Redaktion, die etwas auf sich hält, unterhält wenigstens ein Datenjournalismus-Team.

Was vor einigen Jahren mit einer Debatte über neue „Storytelling“-Formate im Netz begann, einer Debatte, der man auf keiner Journalistenkonferenz entkam (und die im übrigen den Begriff Storytelling – eine eigene, fabelhafte, viel zu seltene journalistische Stilform – verhunzt), heißt heute Datenjournalismus. Und hej, wenn die ganze Welt von Bigdata redet, wenn Daten wahlweise das Gold oder das Öl der Zukunft sind – dann nichts wie mitgemischt. Irgendwie wollen wir Journalisten ja auch nichts verpassen. Weiterlesen

Alzheimer schon im Gehirn Zwanzigjähriger?

Berliner Zeitung, 23. Oktober 2015

Bestimmte Gehirnzellen zeigen bei jungen Probanden mit genetisch erhöhtem Alzheimer-Risiko eine deutliche Beeinträchtigung. Forscher hoffen mit dieser Entdeckung zur frühen Diagnose von Alzheimer beitragen zu können. Das wäre die Grundlage für eine mögliche Therapie. Noch sind aber viele Fragen offen.

Veränderungen des Gehirns, die mit Alzheimer zusammenhängen und die räumliche Orientierung betreffen, zeigen sich möglicherweise schon lange bevor die Krankheit ausbricht. Neurowissenschaftler unter anderem der Universitäten Bochum, Bonn, Nimwegen und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen Bonn haben gemeinsam mit Psychologen der Uni Ulm eine veränderte Funktionsweise des Gehirns bei jungen Probanden mit erblich bedingtem erhöhtem Alzheimer-Risiko entdeckt. „Bisher wird Alzheimer meist erst diagnostiziert, wenn bereits große Hirnbereiche zerstört sind“, sagt der Neurowissenschaftler Nikolai Axmacher von der Ruhr-Universität Bochum. Erst dann zeigen sich deutliche Symptome. Aber unabhängig davon, ob es wirksame Therapien gegen Alzheimer gibt, ist ein Eingreifen dann zu spät. Weiterlesen

Das Auge ist mehr als eine gute Kamera

Stuttgarter Zeitung, 12. Oktober 2015

Philipp Berens erforscht die Netzhaut mit Bigdata-Methoden und stellt damit einige Wahrheiten seines Faches auf den Kopf.

Philipp Berens hat alles anders gemacht, als es jungen aufstrebenden Wissenschaftlern heute empfohlen wird: er verbrachte seine gesamte wissenschaftliche Laufbahn in Tübingen. Er verabschiedete sich zwei Mal in Elternzeit – beim zweiten Mal für ein ganzes Jahr. Und er arbeitete bisweilen Teilzeit. Trotzdem Karriere zu machen ist nicht selbstverständlich. „Ich hatte einfach Glück“, sagt der 34 Jahre alte Bioinformatiker: Professoren zeigten Verständnis für seine Lebensweise, Kollegen akzeptierten, dass er zeitweise wirklich nur bis 15 Uhr und dann erst wieder ab 20 Uhr ansprechbar war: wenn die Kinder im Bett sind.
Mit dieser Strategie hat er es zum glücklichen Vater und zum erfolgreichen Wissenschaftler gebracht: er wurde jüngst mit einem der weltweit höchst dotierten Nachwuchs-Förderpreise ausgezeichnet. Weiterlesen

Wie sichern wir unsere Unberechenbarkeit?

spektrum.de/Spektrum der Wissenschaft, 1. Oktober 2015 – Link

Brauchen wir neue gesellschaftliche Konventionen angesichts der zunehmenden Automatisierung? Forscher diskutieren, wie unsere Werte im digitalen Umbruch gesichert werden können. Auch der Mensch muss sich dabei neu definieren.

„Entschuldigen Sie bitte, wo ist denn hier die Liste der Dinge, die nicht automatisiert werden sollen?“ Wenn es nach dem Zukunftsforscher Alexander Mankowsky geht, ist das die erste Frage, die man den Verantwortlichen eines Automatisierungsprojektes jeder Art stellen sollte – sei das ein autonomes Auto oder eine Smart City. „Die schauen dann meistens ganz verblüfft“, sagt Mankowsky und grinst. Dabei findet er diese Frage gar nicht abwegig. Der Philosoph interpretiert dieses Bewusstsein über das nicht-Automatisierbare als Indikator dafür, inwiefern die menschliche Freiheit mitgedacht wird. Soziale Wahrnehmung lasse sich nicht automatisieren, und auch der Mensch der Zukunft sollte die Freiheit zur Willkür haben: Spontane Aktivitäten, die eine Maschine nicht vorhersehen kann. Und trotzdem nicht unter die Räder kommen. Weiterlesen