Hundert Ideen, damit eine fliegt

Die ZEIT, 17. November 2016

Der Technologiekonzern Bosch hat eine für Deutschland einzigartige und ungewöhnliche kreative Etage geschaffen – aus der Not heraus: Das Unternehmen lebt von Ideen, aber seine Forscher sind nicht frei im Kopf. Hilft das kreative Chaos?

Der Blick aus dem 12. Stock ins Grüne sieht nicht nach unserer technologischen Zukunft aus. Sanfte grüne Hügel wechseln sich ab mit Besiedlungen, zu den Füßen ein Teich, Bänke und ein Fußballfeld. Aber was ist da im Blickfeld? Schmale blaue Linien lassen manche Konturen verschwimmen. Schrift. Hier haben Leute auf das Glas der Fenster geschrieben. „Wie leben wir 2030?“ steht da. Wer weiter lesen will, hat schnell Birgit Thoben im Nacken. „Das hier sind unsere Ideen, das ist unser geschütztes Refugium. Bitte nicht aufschreiben.“ Thoben ist Innovatiosmanagerin beim Technologiekonzern Bosch, sie verantwortet diese besondere Etage namens „Plattform 12“ am neuen Forschungsstandort in Renningen bei Stuttgart. Wie leben wir in Zukunft? Ob an jenen Fensterscheiben die Antwort steht, darf hier leider nicht verraten werden. Die Plattform 12 ist für die Öffentlichkeit geschlossen. Diese Recherche ist eine Ausnahme – und sie konnte nur stattfinden gegen das hoch und heilige Versprechen, hier keine Geheimnisse und keine konkreten Ideen zu verraten.
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Die ewige Liebe der Quanten

Welt am Sonntag, 19. Februar 2017

Ein weltweites Quanteninternet könnte die digitale Kommunikation in Zukunft sicher und unangreifbar machen. Im Zentrum der Forschungen stehen österreichische Wissenschaftler und Quanteneffekte, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen

Es knallten keine Sektkorken, eine Party gab es auch nicht, als Physiker im Jahr 1975 eine Entdeckung machten, die später eine Grundlage der Quantenkommunikation wurde. Ein damals noch unbekannter wissenschaftlicher Mitarbeiter des Physikers Helmut Rauch weist zusammen diesem und Kollegen nach, dass sich Neutronen, weil sie Eigenschaften von Wellen und nicht nur jene von Teilchen haben, ganz seltsam verhalten, wenn sie um ihre Achse gedreht werden: sie verändern ihren Zustand. „Das hatten wir nicht erwartet, dass die Welt nicht die gleiche ist, wenn man sie um 360 Grad dreht“, sagt Anton Zeilinger heute. Die Physiker konnten damals nicht wissen, dass diese Entdeckung jemals eine praktische Relevanz haben würde. „Wenn wir damals gefragt wurden, wozu das alles gut ist, haben wir gesagt: für nichts, das ist für nichts gut, wir machen das nur aus Interesse an der Sache“, sagt Zeilinger, der heute Professor an der Uni Wien ist.
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Können Computer Lügen entlarven?

Spektrum.de/Spektrum der Wissenschaft, 17. Januar 2017 – Link

Aktuelle Aktivitäten gegen Fakenews konzentrieren sich vorallem darauf, unseriöse Quellen automatisch zu erkennen. Aber können Algorithmen Falschmeldungen an sich identifizieren? Es schien zeitweise so, als habe die Wissenschaft das schon zu den Akten gelegt. Aber eine Wette und ein Streit unter Forschern gibt neue Hoffnung.

Ende 2016 ächzte die Welt unter dem Problem der Fakenews – und 2017 wird das Problem aller Voraussicht nach nicht kleiner. Angesichts des anstehenden Bundestagswahlkampfs könnte es in Deutschland gar eine größere Dimension bekommen. Da ist eine Hoffnung nicht unberechtigt: Wie schön wäre es, wenn Computer die Welt von Falschmeldungen befreien könnten! Schließlich haben die Algorithmen unter anderem von Facebook Fakenews erst groß werden lassen. Doch während manche daran arbeiten, seriöse Quellen von unseriösen maschinell zu unterscheiden, warnen andere: das ist zu spät, so werden wir dem Phänomen nicht Herr. „Das Problem an seiner Quelle zu fassen ist in diesem Fall nicht die beste Strategie“, sagt Victoria Rubin, Associate Professor an der University of Western Ontario: dafür verbreiten sich Fakenews zu schnell. Zudem gibt es ständig neue Quellen und neue Webseiten, die Falschmeldungen produzieren – hat man eine identifiziert, gitb es bereits zehn neue.
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Liebe und Sex mit Robotern

Spektrum.de, 22. Dezember 2016 – Link

Wie sieht unsere Zukunft mit Sexrobotern aus? Wissenschaftler streiten sich über mögliche negative Folgen der Technologie. Während manche gar ein Verbot fordern, setzen andere auf eine wissenschaftliche Durchleuchtung des Themas.

Es ist schon verrückt, was für einen Staub eine Konferenz mit vielleicht 200 Teilnehmern aufwirbeln kann. In London haben sich am 19. und 20. Dezember 2016 Wissenschaftler aus aller Welt getroffen, um sich mit dem Thema „Sex and Love with Robots“ zu beschäftigen. Wird es eines Tages Alltag sein, dass Menschen Sex mit Robotern haben? Wird es gesellschaftsfähig sein, einen maschinellen Lebenspartner zu geselligen Events auszuführen? Und wie wird sich das auf unser Zusammenleben auswirken? Die durchaus berechtigten Fragen der Philosophen, Soziologen, Informatiker und Psychologen gingen beinahe unter in der reißerischen Berichterstattung auf der einen Seite und in der Empörung, die das Thema auf der anderen Seite offenbar mit sich bringt.

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Haben Maschinen Trumps Sieg verursacht? Unsinn!

Spektrum.de, 6. Dezember 2016 – Link

Ein Text über psychologische Profilbildung mittels Facebookdaten schreckt viele auf. Der Text beschreibt aber weder eine neue Technologie, noch ist seine Schlussfolgerung seriös, nach der Trump die Wahl dank Algorithmen gewonnen hat. Dennoch besteht kein Anlass sich zurück zu lehnen, kommentiert Eva Wolfangel.

Ist Bigdata schuld an Trump? Dieses Luder, diese gefährliche Technologie, das sieht ihr ähnlich! Sie bringt Unheil über die Welt – jetzt haben wir den Beweis! So oder ähnlich denken offenbar viele nach der Lektüre des Textes „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“. Die vage Hoffnung, dass vielleicht doch nicht Menschen sondern Maschinen schuld sind am Wahlsieg des künftigen US-Präsidenten, scheint viele zu mobilisieren: der Text dreht derzeit so nachhaltig seine Runden in den sozialen Netzwerken, dass man meinen könnte, er verkünde revolutionäres. Das tut er aber nicht.
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DebateExplorer: Unser Workshop auf der Wissenswerte

Blog über unser Datenjournalismus-Projekt DebateExplorer, November 2016

Auf der Wissenswerte, der Konferenz für Wissenschaftsjournalismus, präsentieren wir in einem Werkstattgespräch am Dienstag, 29.11., erste Ergebnisse unseres DebateExplorers: Können Maschinen Semantik verstehen, können sie sogar angesichts der verklausulierten Sprache der Politiker Muster in Bundestagsdebatten finden und uns Journalisten auf Auffälligkeiten stoßen, die wir ohne maschinelle Unterstützung nicht gefunden hätten? Unser Projekt auf der Basis der Förderung der Volkswagenstiftung im Projekt „Wissenschaft und Datenjournalismus“ erkundet seit Januar 2016 die Grenzen der Wissenschaft und versucht, sie zu verschieben. Wir wollen mit euch unsere Erfolge und die künftigen Herausforderungen diskutieren.

Unser Tool soll gerade in Zeiten knapper Mittel im Journalismus dafür sorgen, dass investigative Recherche nicht nur den großen Verlagen vorbehalten bleibt oder angesichts des Aufwands ganz ausstirbt. Wir nutzen öffentlich zugängliche Texte wie Bundestagsdebatten, Interviews und Artikel, um mittels automatischer Texterkennung aufzudecken, wie Debatten beeinflusst werden. Die Herausforderung dabei: die Algorithmen sollen nicht nur wortgleiche Passagen finden, sondern auch inhaltliche Gemeinsamkeiten, die verschieden formuliert sind. Dafür trainieren wir sie gemeinsam: JournalistInnen und ComputerlinguistInnen. Weiterlesen

Echt nette Roboter

Süddeutsche Zeitung Wochenende, 29. Oktober 2016 – Link

Menschliches Handeln ist in weiten Teilen vorhersagbar. Roboter nutzen das erfolgreich, um soziales Verhalten zu imitieren. Aber wie echt ist diese berechnete Hilfsbereitschaft?

Der kleine Kerl bewegt seine Arme und folgt diesen Bewegungen mit großen Augen, als nehme er diese Arme zum ersten Mal wahr. Noch scheint der Weg weit zu sozialem Verhalten: Erst einmal geht es darum, den eigenen Körper zu erfassen und dessen Grenzen, um überhaupt verstehen zu können, dass es ein „Ich“ und ein „Du“ gibt. Bei jeder Bewegung des Arms scheint sich der Kleine zu fragen: „Bin das ich? Mache ich das?“ Er bewegt seine Gliedmaßen unermüdlich und scheinbar zufällig, er testet, welche Richtungen seine Gelenke zulassen. Er dreht den Kopf so weit er kann und schaut sich um. Mit der Zeit werden die Bewegungen gezielter. Er hat gelernt, wie weit sein Radius ist, welche Positionen er erreichen kann. Später, als er verstanden hat, wo der eigene Körper aufhört, kommt ein Mann und reicht ihm einen Ball. Der kleine Kerl will ihn haben, greift aber erst unbeholfen daneben. Aber auch darin wird er mit etwas Übung immer besser: die erste Interaktion funktioniert!
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Mein Leben als Avatar

Magazin Reportagen Nr. 30, September 2016 – nominiert für den Reporterpreis!

Meine Reportage über unser virtuelles Leben der Zukunft, die weltweit erste Reportage aus der virtuellen Realität, ist für den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie „Beste Reportage“ nominiert. Aus diesem Anlass hier schon der gesamte Text über meine Leben dort in dieser Parallelwelt, die sich fast so echt anfühlt wie die andere, die echte Welt. Mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen.

Noch wirkt alles ganz harmlos. Ein Sonnenstrahl landet direkt vor meinen Füßen, er hat eine weite Reise hinter sich, auch wenn es ihn eigentlich gar nicht gibt. Der Sonnenstrahl hat sich seinen Weg durch dicke Wolken vor dem Fenster gebahnt,  er ist gereist auf winzigen Regentropfen von weit oben aus dem Himmel bis hier zu mir auf den Parkettboden. Warm und weich kitzelt er jetzt meinen Fuß. Ich schaue mich um: der Raum ist würfelförmig, an drei Seiten begrenzt durch riesige Glasfronten. Die vierte Wand ist fast in der gesamten Breite ausgefüllt von einem riesigen Display, auf dem ein Film läuft. Einige Männer stehen davor und lachen. Weiterlesen

Wearables in der Schublade

Technology Review, September 2016

Schick, unauffällig, cool, exakt und kompatibel: das perfekte Wearable müsste eine eierlegende Wollmilchsau sein. Um die kleinen tragbaren Computer steht es weniger rosig, als es auf den ersten Blick erscheint.

Ausgerechnet Wearable-Pionier Thad Starner hat sich verrechnet. Smartphones würden sich bald überholt haben, sagte er vor einigen Jahren im Brustton der Überzeugung, als er die Googlebrille mit entwickelte. „Sie sind für mich persönlich ein Rückschritt.“ Die Zukunft seien Wearables, Kopfdisplays beispielweise wie die Googleglass oder sein selbstentwickeltes System, das er seit mehr als 20 Jahren nutzt: eine globige Brille, verbunden mit einem über die Jahre immer kleiner werdenden Computer, den er irgendwo am Körper trägt. Aber irgendwas ging schief an diesem Plan: die Googlebrille floppte im Konsumentenbereich, das Smartphone erfreut sich bis heute großer Beliebtheit.

Wer den Zahlen der großen Beratungsgesellschaften folgt, könnte tatsächlich zur Meinung gelangen, dass das Smartphone bald durch Wearables aller Art abgelöst wird. Aber die Zahlen sind bei genauem Hinsehen trügerisch: Die Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers pwc diagnostiziert gar ein Wachstum im Bereich der Smartwatches auf dem deutschen Markt von 614 Prozent von 2013 auf 2014. Kunststück – Smartwatches waren 2013 noch quasi unbedeutend für Konsumenten: Samsungs Galaxy Gear kam im September 2013 auf den Markt und gilt als eine der ersten Uhren, für die sich auch Kreise jenseits von Geeks interessierten – und schon im November musste Samsung zugeben, bei den Zahlen geschummelt zu haben: statt der verkauften wurden verschiffte Geräte angegeben. 2015 gaben 17 Prozent der Befragten einer PwC-Online-Umfrage an, bereits ein Wearable zu besitzen. Wenn man bedenkt, dass jedes Fitnessarmband als Wearable zählt und manche Krankenkassen diese gar verschenken, erscheint diese Zahl erstaunlich klein. „Bei den meisten landen diese sowieso nach ein paar Monaten in der Schublade“, sagt Gerhard Tröster,  Leiter des Elektronik-Labors der ETH Zürich. Das große Versprechen der Wearables scheint ausgerechnet beim meistverkauften Produkt ihrer Klasse nicht aufzugehen: die kleinen Computer fügen sich nicht so unauffällig in den Alltag ein, dass wir sie ständig dabei haben. Sie fügen sich noch unaufälliger in die Schubalde ein. Weiterlesen

DebateExplorer: Unser Baby wächst

Blog über unser Datenjournalismusprojekt DebateExplorer, Oktober 2016

Unser Baby spricht die ersten eigenen Worte! Genau genommen findet es die ersten eigenen Worte, nämlich Debatten rund um die Hotelsteuer. Und unser kleiner Joe zeigt, dass er tatsächlich erstaunlich viel verstanden hat. Mehr, als ich mir in den mühsamen Zeiten der Annotationen hätte träumen lassen angesichts der komischen Sprache der Politiker.

„Wir hätten auch eine superintelligente Suchmaschine bauen können“, sagt Andre. Aber wir haben uns für die künstliche Intelligenz entschieden, auch wenn unklar war und sicher teilweise noch ist, ob eine Maschine so komplexe Annotationen erlernen kann, wie sie sich beispielsweise aus Bundestagsdebatten ergeben. Dafür haben wir so die Chance, Debatten vollständiger zu analysieren und auch jene Textstellen zu finden, die unerwartete Begriffe verwenden und gewohnte Begriffe auslassen. An diesen Grenzen der Forschung zu arbeiten ist aufregend und ein Risiko, weil man nie weiß, ob es am Ende funktioniert. Aber heute haben wir einen Teilerfolg errungen.
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