Die Spione, die ich liebte

Stuttgarter Zeitung, 10. November 2017

Die Technikjournalistin Eva Wolfangel hat in unzähligen Artikeln vor datenhungrigen Apps gewarnt. Im Selbstversuch während einer Recherchereise in die USA verliebt sie sich allerdings in deren allumfassenden Service und kann auf einmal verstehen, wieso Menschen gerne verdrängen, dass ihre Bewegungsprofile auf amerikanischen Servern liegen und Uber weiß, mit wem sie eine Affäre haben.

Als ich in diesem Sommer den Spion in mein Leben ließ, hatte ich noch kein Ahnung, wie schwer es werden würde, mich von ihm wieder zu trennen.
Es geschah irgendwie zufällig, wie so viele Dinge im Leben, die einem die Augen öffnen in Momenten, mit denen man nicht damit rechnet. Weiterlesen

Ein perfekter Tag

Süddeutsche Zeitung am Wochenende, 26. August 2017

Florian Schumacher optimiert sein Leben, indem er alles misst, was sich messen lässt. Manchmal hinterlässt das Rätsel.

Der Regen spielt am frühen Morgen mit feinen Fingern Cembalo auf den Blättern der Bäume, ein paar Menschen radeln missmutig durch den Englischen Garten, das grelle Grün der Blätter schmerzt in den schlaftrunkenen Augen, und Florian Schumacher atmet tief durch. 15 Regentropfen, Schritt, Schritt, einatmen, Schritt, Schritt, ausatmen 15 – 2 –1- 2 – 2 1, er fühlt, wie der Rhythmus Leben in die müden Glieder bringt und wie der steigende Puls den Körper sanft weckt 80, 90, 100, 120, 130, der Läufer schaut auf die Uhr, nickt, lächelt, trabt. Weiterlesen

Wer war das?

Die ZEIT, 1. Juni 2017 – Ausschnitt

Wenn jemand per Internet eine Überweisung tätigt, hinterlässt er einzigartige Spuren. Anhand solcher biometrischer Merkmale identifiziert eine diskrete Firma im Auftrag von Banken Millionen von Nutzern. Die ahnen davon nichts.

Seelenruhig schaut Natia Golan zu, wie der Hacker seinen Raub vorbereitet. Er hat die  Kontrolle über das Online-Konto einer ahnungslosen britischen Bankkundin übernommen, als sie gerade Geld überwies. Kaum war sie fertig, griff er aus der Ferne zu. Er tippt ihr Passwort in die Maske und gibt vor, vor dem Computer der Kundin in Großbritannien zu sitzen. Das Passwort stimmt. Auch die Summe von etwas mehr als einer Million Pfund, die er gerade überweisen will, ist nicht unüblich für die überdurchschnittlich wohlhabenden Kunden. Und doch: Ein Detail stört das Bild.

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Er fliege hoch!

ZEIT Wissen, 20. Juni 2017 – Leseprobe

Diese zwei Männer sehen nur so aus, als würden sie spielen. In Wirklichkeit sind sie an einem neuen Wettrennen beteiligt – zum Mond.

Auf den ersten Blick folgt dieser Vormittag im Februar dem Drehbuch der Raumfahrtromantik: Ingenieure tüfteln an Mondrover und bringen den Innovationsstandort Deutschland voran. Part Time Scientists nennen sich die Herren, Teilzeitwissenschaftler. Zuerst, im Jahr 2009, war da nur die fixe Idee, den Google Lunar Xprize zu gewinnen. 20 Millionen Dollar Preisgeld hat Google jenem Team versprochen, das einen Rover entwickelt und auf dem Mond 500 Meter weit fahren lässt. Heute arbeiten die Part Time Scientists Vollzeit. Sie vergeben Aufträge an Airbus und haben mit Audi einen ernstzunehmenden Sponsor gefunden. Spätestens für 2018 wollen sie ihrem Rover eine Mitfahrgelegenheit auf einer Rakete buchen.

Aber dahinter steckt viel mehr als nur der nächste Abenteuerausflug gen Himmel. Weiterlesen

„Wenn ich eine Reportage mache, ist meine Recherche gleich viel aufwendiger“

…hat ein Teilnehmer meines Workshops „Wissenschaft spannend erzählen“ beim Reporterforum gesagt. Das stimmt! Trotzdem macht Wissenschaftsreportage Spaß – mir jedenfalls. Mir ist die Stilform richtig ans Herz gewachsen, und trotz des Aufwandes ist sie mir das liebste, was ich beruflich mache. Warum es sich der Aufwand lohnt, wie man die richtigen Protagonisten und den richtigen Stoff findet und was dann noch alles kommt – über all das habe ich beim diesjährigen Reporterworkshop beim SPIEGEL in Hamburg gesprochen.

Trotzdem (oder gerade weil) Nicola Meier von der ZEIT und ich uns wegen unserer verschiedenen Hintergründe und Lebenswege in der Vorbereitung beinahe in die Haare bekommen hätten bei Themen wie „Braucht man immer Schicksale?“ und „Kleben Wissenschaftsjournalisten zu sehr an den Fakten?“, haben wir viel voneinander gelernt und es ist ein runder, spannender Workshop herausgekommen. Wer nicht dabei sein konnte, findet jetzt beim Reporterforum die Links zu den Audio-Mitschnitten.

„Ich habe im Kopf berechnet, wie lange wir noch überleben“

Leseprobe aus Der SPIEGEL 17/2017 – Link

Im Sternenstädtchen bei Moskau werden aus Kampfpiloten und Wissenschaftlern Astronauten und Kosmonauten. Und sie werden zu Helden. Auch wenn sie sich zunehmend dagegen wehren – das diktiert der Ort und die Tradition. Ein Besuch bei Alexander Gerst und seinen russischen Kollegen.

Kurz vor der rettenden Station versagt die Automatik. Die Internationale Raumstation ISS ist nur noch einen Sprint entfernt. Auf der Erde würde Alexander Gerst die Strecke in wenigen Sekunden zurücklegen. Aber hier in der Sojus trennen ihn nur wenige Kubikmeter Luft und eine dünne Schicht aus Aluminium von der lebensfeindlichen Umgebung des Weltalls. Jetzt darf nichts schiefgehen. Bis hierhin ist der Flug von der Erde zur Raumstation ohne Probleme verlaufen, aber jetzt, auf den letzten schwierigsten Metern lässt die Automatik Gerst und seinen russischen Kollegen Anton Schkaplerow im Stich. Die beiden Raumfahrer schalten auf eine andere Automatik um: die in ihrem Kopf. Unzählige Male haben sie diese Situation geübt, damit sie in einem Fall wie diesem wie Roboter handeln. Sie steuern das Raumschiff von Hand. Gerst schaut durch ein Fernglas und richtet das Lasermessgerät auf einen festen Punkt an der Raumstation. „200 Meter“, sagt er. Schkaplerow sagt: „Und jetzt?“, „200 Meter“ „Jetzt?“ „200 Meter“. So geht das lange drei Minuten. Schkaplerow steuert das Raumschiff, Gerst misst. Nichts bewegt sich. Dann: „195 Meter“. 190. 190. 190. „Wiederhole alle 20 Sekunden“, befiehlt Schkaplerow. Gerst tut das. Minutenlang. 180, 180. 180. 175. Der Kosmonaut fliegt bewusst langsam. In dieser Nähe ist die Gefahr groß, die Station zu rammen. Mit lebensgefährlichen Folgen sowohl für die Raumfahrer in der Kapsel als auch für die Crew an Bord der ISS. Weiterlesen

Hoch hinaus

Stuttgarter Zeitung, 18. April 2017

Lisa Haas will ins All, seit sie denken kann. Sie ist eine von sechs Finalistinnen im Wettbewerb „Die Astronautin“. Aller Kritik am Wettbewerb zum Trotz findet sie: wir haben genug gewartet! Es müssen mehr Frauen ins All.

Hach die Physik! Der weiße Klettergriff unter der rechten Hand von Lisa Haas ist groß aber abschüssig, der unter der Linken nicht besser, ihr linker Fuß steht auf einem winzig kleinen Tritt, der rechte Fuß angelt nach einer Kante, die einfach nicht näher kommen will, aus den Lautsprecherboxen tönt kämpferische Musik, aber auch das hilft nichts: Die rechte Hand rutscht ab, die Kletterin stürzt aus der Wand und landet auf einer großen weichen Matte. Die Menschen um sie herum in der Tübinger Boulderhalle fluchen, wenn sie wie Haas aus der Wand fallen wie eine Tür, die schief in den Scharnieren hängt. Aber sie lacht. „Das ist Physik“, ruft sie begeistert, Gleichgewicht, Reibungskräfte, der Schwerpunkt und die verdammte Schwerkraft – „was man hier alles sehen kann!“

Ja die verdammte Schwerkraft. Was würde Lisa Haas geben, um ihr zu entkommen, und sei es nur für ein paar Tage! Die 33-jährige promovierte Physikerin möchte ins All und hat dafür schon größere Hürden genommen als dieses weiße Boulderproblem, das sie an diesem Tag noch oft abschütteln wird. Weiterlesen

Hundert Ideen, damit eine fliegt

Die ZEIT, 17. November 2016

Der Technologiekonzern Bosch hat eine für Deutschland einzigartige und ungewöhnliche kreative Etage geschaffen – aus der Not heraus: Das Unternehmen lebt von Ideen, aber seine Forscher sind nicht frei im Kopf. Hilft das kreative Chaos?

Der Blick aus dem 12. Stock ins Grüne sieht nicht nach unserer technologischen Zukunft aus. Sanfte grüne Hügel wechseln sich ab mit Besiedlungen, zu den Füßen ein Teich, Bänke und ein Fußballfeld. Aber was ist da im Blickfeld? Schmale blaue Linien lassen manche Konturen verschwimmen. Schrift. Hier haben Leute auf das Glas der Fenster geschrieben. „Wie leben wir 2030?“ steht da. Wer weiter lesen will, hat schnell Birgit Thoben im Nacken. „Das hier sind unsere Ideen, das ist unser geschütztes Refugium. Bitte nicht aufschreiben.“ Thoben ist Innovatiosmanagerin beim Technologiekonzern Bosch, sie verantwortet diese besondere Etage namens „Plattform 12“ am neuen Forschungsstandort in Renningen bei Stuttgart. Wie leben wir in Zukunft? Ob an jenen Fensterscheiben die Antwort steht, darf hier leider nicht verraten werden. Die Plattform 12 ist für die Öffentlichkeit geschlossen. Diese Recherche ist eine Ausnahme – und sie konnte nur stattfinden gegen das hoch und heilige Versprechen, hier keine Geheimnisse und keine konkreten Ideen zu verraten.
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Mein Leben als Avatar

Magazin Reportagen Nr. 30, September 2016 – nominiert für den Reporterpreis!

Meine Reportage über unser virtuelles Leben der Zukunft, die weltweit erste Reportage aus der virtuellen Realität, ist für den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie „Beste Reportage“ nominiert. Aus diesem Anlass hier schon der gesamte Text über meine Leben dort in dieser Parallelwelt, die sich fast so echt anfühlt wie die andere, die echte Welt. Mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen.

Noch wirkt alles ganz harmlos. Ein Sonnenstrahl landet direkt vor meinen Füßen, er hat eine weite Reise hinter sich, auch wenn es ihn eigentlich gar nicht gibt. Der Sonnenstrahl hat sich seinen Weg durch dicke Wolken vor dem Fenster gebahnt,  er ist gereist auf winzigen Regentropfen von weit oben aus dem Himmel bis hier zu mir auf den Parkettboden. Warm und weich kitzelt er jetzt meinen Fuß. Ich schaue mich um: der Raum ist würfelförmig, an drei Seiten begrenzt durch riesige Glasfronten. Die vierte Wand ist fast in der gesamten Breite ausgefüllt von einem riesigen Display, auf dem ein Film läuft. Einige Männer stehen davor und lachen. Weiterlesen

Hat die Virtuelle Realität ein Problem mit sexueller Belästigung?

Die ZEIT, 8. September 2016

(aus rechtlichen Gründen darf dieser Artikel hier nicht komplett erscheinen. Wer nach dieser Leseprobe Lust auf mehr hat, kann in der aktuellen ZEIT weiterlesen)

Soziale Interaktion in der virtuellen Realität wird als Zukunftsvision gehandelt. Aber die junge Technologie hat ein Problem mit sexuellen Übergriffen. Scheitert sie daran?

Hier stimmt etwas nicht. Schon aus dem Augenwinkel sehe ich, wie dieser Mann aus der Ecke des Raumes auffallend zielstrebig auf mich zukommt. Ich bin zum ersten Mal hier, habe mich gerade eben hierher gebeamt aus der anderen, der echten Welt, indem ich ein Virtual-Reality-Headset und Kopfhörer aufgesetzt und damit meinen physischen Körper in meiner Wohnung zurückgelassen habe. Ich habe Controller, die ich in dieser dreidimensionalen anderen Welt um mich herum wie Hände benutzen kann. Es ist, als wäre mein Geist an einen weit entfernten Ort gereist, wo er einen neuen Körper bezogen hat: einen Avatar in AltspaceVR, einem Treffpunkt in der Virtuellen Realität.

Eigentlich würde ich mich gerne diesem verrückt echten Gefühl hingeben, das mich sofort überfällt: Ich bin eingetaucht in eine komplette Welt, drehe mich um mich selbst, gehe ein paar Schritte durch den großen hellen Raum zur Terrassentür, vor der Vögel zwitschern und Grillen zirpen. Ein Bach plätschert neben dem Haus. Eigentlich würde ich jetzt gerne diese andere Welt erkunden, die friedliche Atmosphäre genießen mit den anderen Leuten, die in Grüppchen draußen in der Dämmerung unter den Bäumen stehen und plaudern. Eigentlich würde ich gerne erspüren, was es mit dieser „Social VR“ auf sich hat: die soziale Interaktion in der Virtuellen Realität.

Eigentlich. Weiterlesen