Die perfekte Erinnerung

DIE ZEIT, 21. Januar 2016

Lässt sich alles, was wir erleben, digital speichern? Informatiker arbeiten daran. Wie ich Teil eines Experiments wurde.

Der Cyborg, der mir im Frühling 2013 in einem Stuttgarter Cafe gegenüber sitzt, sieht aus wie ein ganz normaler Mitvierziger mit leichten Geheimratsecken, in Hemd und Jeans. Nur sein türkiser Brillenbügel ist auffällig breit. Am vorderen Ende ist eine kleine Kamera eingearbeitet und ein Prisma. Seine rechte Hand steckt in der Hosentasche.

Thad Starner ist nicht allein. Er hat sein »System« bei sich. Das erkennt man an seiner Googlebrille und einer nahezu unsichtbaren rechteckigen Spiegelung auf seiner Netzhaut. In seiner Hosentasche hat er eine Fünffinger-Tastatur. Starner ist Informatikprofessor am Georgia Institute of Technology und ein Pionier der Erforschung anziehbarer Computer (wearable computing). Fast sein halbes Leben lang, seit mehr als 20 Jahren, trägt er wechselnde Versionen eines Prototypen am Körper. Er sieht sein »System« als Erweiterung seines Gehirns.

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„Wenn Menschen das Wort ‚offline‘ hören, denken sie, dass ich das Internet abschalten will“

Technology Review, April 2016

Ein Doktorand löst eine Identitätskrise, indem er eine Bewegung für mehr offline-Aktivitäten in seinem Fach gründet. Seither arbeiten immer mehr Informatiker daran, uns im realen Leben zusammen zu bringen.

Als Nemanja Memarovic die Zweifel packen, ist es schon zu spät. Er ist bereits Informatiker. Umgeben von einer technischen Welt, von Kollegen, die vor allem wissen wollen, welche neue Technologie er gerade entwickelt, welche hippe App er programmiert, und von Freunden, die schlagfertige Facebook-Posts von ihm erwarten. Bis zu diesen Wochen rund um Weihnachten 2009 lebt er in einer heilen Welt, in der Facebook seine zweite Heimat ist. Dann zieht der junge Serbe aus New Hampshire, USA, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter Fahrerassistenzsysteme erforscht hat, nach Lugano. Dort möchte er promovieren. „Bis dahin kannte ich alle meine Facebookfreunde persönlich“, sagt er rückblickend. Doch das ändert sich schlagartig, als das soziale Netzwerk einen Aufschwung erlebt, immer mehr nur über Ecken Bekannte sich mit dem Uni-Absolventen vernetzen wollen und Memarovic durch seinen Umzug zusätzlich einige neue Kontakte gewinnt. Facebook schien auf einmal zu explodieren. Aus der Heimat wurde Fremde. Und Einsamkeit. „Ich wusste nicht mehr, zu wem ich rede, und vorallem auch nicht mehr, wer mir zuhört.“    Weiterlesen

Was macht eigentlich der Molekularpsychologe Christian Montag?

Bild der Wissenschaft 01/2016

Einige ereignisreiche Tage im Leben des jungen Professors, der sich wie ein Detektiv auf die Spuren der Internetsucht begibt.

Ping! Christian Montag ist gerade im Büro angekommen, hat den Computer hochgefahren und die Bilder des jüngsten Hirnscans geöffnet, schon ertönt dieses vertraute „pling“, das eine Whatsapp-Nachricht auf seinem Smartphone ankündigt. „Dieses Ding“, sagt der 38-jährige Psychologe mit empörtem Unterton und fixiert sein Handy neben der Tastatur, „dieses Ding, das macht uns doch ganz kirre.“ Er angelt danach und stellt es auf lautlos. „Dieses Ding frequentiert unseren Alltag“, setzt er hinterher, „es unterbricht uns ständig beim Arbeiten. Wir können uns gar nicht mehr richtig konzentrieren.“ Er legt es weg und schaut ratlos vom BAP-Poster auf der einen Seite seines Büros zum Foto an der anderen Wand, das ihn selbst als Rockgittaristen zeigt . „Wo waren wir gerade?“

Und damit wären wir beim Thema. Christian Montag treibt die Frage um, wie sich Smartphone, Internet und Co auf unser Gehirn auswirken. Er ist kein Technologiekritiker. Aber als Psychologe weiß er, wie sehr ständige Unterbrechungen unser Arbeitsgedächtnis belasten. „Wir kommen heutzutage gar nicht mehr in einen konzentrierten Arbeitsflow“, sagt er. Denn dafür braucht man eine unterbrechungsfreie Zeit am Stück. Wer zu viele Baustellen gleichzeitig im Arbeitsalltag überblicken muss, der wird unkonzentriert und vergesslich. Und ist am Ende des Tages unzufrieden, weil er nicht recht voran kam. Das zermürbt viele. Weiterlesen

Die Geister der Überwachung will er nicht gerufen haben

Stuttgarter Zeitung, 15. September 2015

Frieder Nake ist einer der Pioniere der Informatik und der Vater der Computerkunst. Aber was die Menschen heute mit den Maschinen machen, das stimmt den früheren Stuttgarter skeptisch.

Eines stimmt sicher: „Too old to die young“ prangt auf dem schwarzen T-Shirt des Mannes, der da vor der Tafel steht. Er geht auf die 80 zu, jung stirbt er jedenfalls nicht mehr. Aber sollen sie ansonsten alles glauben, was der Informatikprofessor da vorne erzählt? Die Studierenden schauen skeptisch. „Ihr braucht keine Angst vor der künstlichen Intelligenz haben. Die kann es gar nicht geben“, ruft der kleine drahtige Mann in schwarzer Hose, schwarzen Sportsocken und schwarzen Birkenstocks in die Runde. „Element of crime“, steht unter dem Spruch auf seinem Shirt. Der Professor spürt die Skepsis. „Später werdet ihr euch an mich erinnern und an dieses „crime“ und euch denken: was war das? Das muss ein Krimineller gewesen sein“, sagt er und lacht.

Frieder Nake wirkt in diesem Seminarraum an der Bremer Kunsthochschule wie aus der Zeit gefallen. Seine Studenten sind mehr als 50 Jahre jünger als er, sie kennen ihn bisher nur aus Büchern, seine Werke aus Ausstellungen – und viele sind genau deshalb gekommen: er ist der Vater der Computerkunst, er ist überhaupt einer der ersten Menschen, die Computer programmiert haben. Er verkörpert ein Leben, das mit der Liebe zur Computersprache begann. Eine zwiespältige Liebe, wie sich im Laufe der Zeit herausstellen sollte.
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Ein kleiner Schritt für einen Humanoiden

Stuttgarter Zeitung, 17. Februar 2015

Eine neue Gruppe am Tübinger Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme will Roboter zu autonomen Bewegungen befähigen. Was uns Menschen leicht fällt, ist für Maschinen kompliziert.

Manchmal ärgert Ludovic Righetti Roboter – im Dienste der Wissenschaft versteht sich. Er gibt ihnen hinterrücks einen Schubs, wackelt an der Bodenplatte, auf der sie stehen, oder verschiebt den Gegenstand, den der Roboter vom Tisch greifen soll. Und dann freut sich der junge Wissenschaftler am  Tübinger Max-Planck-Institut für intelligente Systeme, wenn sein Gegenüber die Aufgabe trotzdem meistert. Denn das ist seine Forschung: Er will Roboter dazu befähigen, sich autonom bewegen zu können. Weiterlesen

Fahrerlos durch die Innenstadt

spektrum.de, 7. Januar 2015 – Link

Forscher tüfteln bereits eifrig daran, dass sich in Zukunft kein Mensch mehr selbst hinter das Steuer seines Wagens setzen muss. Doch eine Probefahrt mit einem selbstfahrenden Auto zeigt ein grundlegendes Problem der modernen Technik auf: Sie macht uns zum ohnmächtigen Beifahrer – und das ertragen wir Menschen nur schwer.

Noch parkt das Wunderwerk der Technik, mit dem ich gleich durch Ulm kurven werde, auf dem Gelände der Universität. Äußerlich ist nicht zu erkennen, dass unter dem Blech die Zukunft des Automobilbaus verborgen liegt: Es ist eines der ersten Autos, das autonom durch eine deutsche Innenstadt fährt.

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Menschliches Strömungsverhalten

Bild der Wissenschaft 10/2013 (Auszug)

Menschen sind unberechenbar. Das erfahren auch Wissenschaftler, die Bewegungen von Fußgängern per Computer simulieren. Die Forscher versuchen es trotzdem – mit überraschenden Ergebnissen.

In der großen Halle der Düsseldorfer Messe geht auf einmal geht nichts mehr: rechts, links, vorn, hinten – überall drängen sich Menschen viel näher zusammen als ihnen lieb ist. Die Menge wankt hin und her, jeder versucht, sich an anderen vorbei zu schlängeln, manche mit Einsatz der Ellenbogen, andere eher behutsam, gemeinsam ist allen das Ziel: der Ausgang.

Fast jeder hat solche Situation schon einmal erlebt, beispielsweise am Ende eines Konzertes, wenn alle gleichzeitig durch wenige Ausgänge ins Freie  streben. Aber so bekannt uns diese Szene auch scheint, für die Forschung bildet sie ein rätselhaftes Phänomen. „Über die Bewegungen von Menschenströmen ist so gut wie nichts bekannt“, sagt Armin Seyfried, Physiker und Gruppenleiter am Forschungszentrum Jülich. Computer-Simulationen scheitern regelmäßig, wenn sie derartige Bewegungen berechnen sollen. Weiterlesen

In der Chefetage haben fast alle Kinder

Stuttgarter Zeitung, 10.1. 2013 – pdf

In keinem europäischen Land arbeiten mehr Frauen in Führungspositionen als in Norwegen – trotzdem sind die Geburtenraten hoch. Das geht dank einer fortschrittlichen Familienpolitik und einer Gesellschaft, die sich modernen Rollenbildern öffnet. 

Sandnes – Draußen ist es noch stockdunkel, drinnen hockt die zweijährige Sophia im gedämpften Licht und malt. Das blonde Mädchen reibt sich die verschlafenen Augen. Um 6.30 Uhr kämpft auch Mutter Emilia Thingbo gegen Müdigkeit. Sie sitzt neben ihrer Tochter auf dem weißen Ledersofa, ein Schminkset auf dem Tisch und mustert sich mit kritischen Blicken in einem Taschenspiegel. Dann legt sie dezentes Make-up auf.

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Prinzessin auf dem Campus

Magazin artur, 2/2012pdf

Mit Kind im Studentenwohnheim leben – das klingt nach Enge, Trostlosigkeit und Verboten. Aber manche Bewohner fühlen sich dort wie in einem kleinen Schloss.

Die Prinzessin blickt aus ihren Gemächern auf ein Stück Wiese mit jeder Menge Löwenzahn. Ihr Zwölf-Quadratmeter-Zimmer  der Wohnung 3D020 im Wohnheim Straußäcker III in Stuttgart Vaihingen teilt sie sich mit einem Kinderhochbett, einer Spielküche und ihrem Hofstaat: der fünfjährigen Lea. Die nimmt die Playmobil-Figur unsanft aus dem Regal und sagt: „Leider hat die Prinzessin kein Schloss.“ Dabei zieht sie so heftig die Schultern hoch, dass ihre unzähligen Zöpfchen hüpfen.

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Die beste Schule Deutschlands

stern.de, 10.06.2011  –  online

Tiffany, 10, heftet ein selbst gemaltes Plakat mit Vogelbildern an die Wand vor ihrem Klassenzimmer. „Die Blaumeise sieht aus, als hätte sie eine blaue Kappe auf“, erklärt sie. Damit kriegt sie ihr Publikum: Cindy, 11, Chantal, 6, und Luca-Marie, 7, sitzen ihr gegenüber auf Stühlen und lachen über das Beispiel. Als Tiffanys Vortrag beendet ist, applaudieren sie. Die Mädchen üben ihre Referate, die sie in wenigen Tagen vor der Klasse halten wollen.

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