Das „Wir-Gefühl“ der Ostdeutschen

stern.de, 23.4.2010online

Das „Ossi-Urteil“ eines Stuttgarter Gerichts ist eine eklatante Fehlentscheidung – das sagt der Ethnologe Thomas Bierschenk. Im stern.de-Interview erklärt er, warum die Ostdeutschen natürlich ein eigener „Stamm“ sind.

Sie bezeichnen „Ossis“ als eine Ethnie. Das klingt verwegen. Eine zweite deutsche Ethnie wie ein Stamm in Afrika?
Wir haben im Alltag oft eine veraltete Vorstellung vom Begriff der Ethnie. Das gleiche Problem hatte der Stuttgarter Arbeitsrichter: Eine Frau klagt, sie sei aufgrund ihrer ethnischen Herkunft Ostdeutschland diskriminiert worden. Jetzt musste der arme Richter entscheiden, was eine Ethnie ist. Dafür hat er auf eine veraltete Definition aus dem 18. Jahrhundert zurückgegriffen.

Der Richter argumentierte, eine Ethnie habe eine gemeinsame Sprache, Kultur, Religion und Tradition. Wieso gilt das nicht mehr?
Mit dieser Definition hat auch der Anwalt der Klägerin argumentiert. Diese Definition stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist veraltet: Die Forschung hat gezeigt, dass sich die Grenzen so klar nicht ziehen lassen. Beispielsweise sprechen Mitglieder verschiedener Ethnien manchmal die gleiche Sprache, innerhalb einer Ethnie finden sich verschiedene Sprachen und Religionen. Ganz schwierig ist die Definition einer Kultur. Was macht eine gemeinsame Kultur aus? Daran ist schon die Debatte zur deutschen Leitkultur gescheitert. Hätte sich die Klägerin auf die aktuelle Definition einer Ethnie bezogen, hätte sie Recht bekommen müssen.

Was macht eine Ethnie nach Ihrer Definition aus?
Wir Ethnologen gehen heute davon aus, dass sich eine Ethnie über ein starkes Wir-Gefühl definiert. Dazu kommt eine demonstrative symbolische Abgrenzung gegenüber den Anderen: Beispielsweise werden bestimmte Praktiken wie etwa die Jugendweihe symbolisch überhöht, um damit das Anderssein zu demonstrieren. Dazu gehört auch die ganze Palette von „Ostprodukten“ wie F6-Zigaretten oder Spreewälder Gurken. Natürlich sind Ossis eine Ethnie. Das Wir-Gefühl kann durch das Gefühl der Diskriminierung verstärkt werden.

Ossis fühlen sich von Wessis diskriminiert und sind deshalb eine eigene Ethnie: Zementiert die Wissenschaft mit dieser Definition nicht bestehende Probleme?
Nicht die Wissenschaft, das Stuttgarter Arbeitsgericht zementiert mit seinem Vorgehen die Probleme zwischen Ost und West. Denn die Ossis sind eine Gruppe mit starkem Wir-Gefühl. Die Klägerin wurde ohne Zweifel aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert. Mit dem Urteil spricht der Richter dieser Ethnie aber die Diskriminierung und ihre Identität ab. So etwas schweißt eine Gruppe mehr zusammen als alles andere.

Die Wiedervereinigung ist mehr als 20 Jahre her, Deutschland war nur 40 Jahre lang geteilt. Dennoch sind wir jetzt zwei Ethnien?
Die Bürger der DDR sind mit dem Gefühl aufgewachsen, das bessere Deutschland zu sein – antifaschistisch, solidarisch. Heute haben sie das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. 1990 wurde alles abgeschafft, was ihre Welt ausmachte. Das erklärt, wieso über scheinbar banale Dinge wie ein Rechtsabbiegerpfeil für Autofahrer so emotional diskutiert wird. „Wir hatten doch auch etwas Gutes“ wollen diese Menschen sagen.

Basiert damit die Definition einer Ethnie nicht auf Vorurteilen?
Wir Menschen brauchen gewisse Stereotypen, um die Welt zu ordnen. Aber das Verhalten, das die Wessis den Ossis zuschreiben, schreiben diese sich selbst auch zu. Beispielsweise unterstellen die Wessis den Ossis, sie seien noch nicht in der Moderne angekommen, hätten Probleme mit dem modernen Kapitalismus. Ossis bestreiten dieses Klischee nicht: Sie reklamieren für sich eine Kultur der Bescheidenheit und werfen umgekehrt den Wessis vor, dass sie zu egoistisch sind und nur auf Profit aus.

Haben Wessis ein ebenso starkes Wir-Gefühl?
Minderheiten – wie in diesem Fall die Ossis – haben meistens ein stärkeres Wir-Gefühl. Das Wir-Gefühl entsteht immer in Abgrenzung zu einer anderen Gruppe. So kommen die Wessis zu ihrem Wir-Gefühl: Ich bin ein Wessi gegenüber einem Ossi. Ich bin aber auch Mainzer: Während der Fasnacht grenze ich mich beispielsweise gegenüber den Wiesbadenern ab. In einem anderen Zusammenhang fühle ich mich als Deutscher oder auch als Europäer.

Jeder hat also mehrere Identitäten. Sind wir alle ein bisschen schizophren?
In der Tat kann man verschiedenen Ethnien, oder sagen wir besser „Wir-Gruppen“, gleichzeitig angehören. Der Stuttgarter Richter sagte: Ossis sind Deutsche und können deshalb keine eigene Ethnie sein. Nach der aktuellen wissenschaftlichen Definition können sie aber beides sein.

Wenn jede Gruppe mit „Wir-Gefühl“ eine Ethnie ist – wieviele Ethnien machen Sie dann in Deutschland aus? Müssen die Gerichte jetzt mit einer Klagewelle rechnen, weil sich Hinz und Kunz vor dem Hintergrund des Gleichstellungsgesetzes diskriminiert fühlten kann?
Eine Diskriminierung aufgrund der Herkunft muss ja trotz allem nachgewiesen werden. Die wenigsten Arbeitgeber sind so ungeschickt und schicken Unterlagen mit einem solchen Vermerk zurück. Aber in der Tat: Der Begriff Ethnie umfasst mehr, als sich die Richter träumen lassen. Die Ethnien in Deutschland kann man nicht beziffern, denn die Dinge sind ja immer im Fluss: Ethnische Identitäten entstehen, und sie können sich auch wieder auflösen. Also braucht die Justiz eine neue Definition.

Ähnliche Artikel

  • Tim K.s Vater kam, schwieg und enttäuschteTim K.s Vater kam, schwieg und enttäuschte stern.de, 16.09.2010  -  online Die Opferangehörigen des Amoklaufs von Winnenden kamen mit großen Erwartungen zum Prozessauftakt, aber die erste Verhandlung brachte sie auf. Vielen war […]
  • Fahrerlos durch die InnenstadtFahrerlos durch die Innenstadt spektrum.de, 7. Januar 2015 - Link Forscher tüfteln bereits eifrig daran, dass sich in Zukunft kein Mensch mehr selbst hinter das Steuer seines Wagens setzen muss. Doch eine Probefahrt […]
  • Die verschlungenen Wege der MenschenDie verschlungenen Wege der Menschen spektrum.de, 21. Januar 2013 - online Fußgänger sind unkalkulierbar. Welche Wege sie wählen, ist nach wie vor die große Unbekannte in der Forschung. Physiker und Soziologen haben daher […]
  • Eines Tages besiedeln wir andere PlanetenEines Tages besiedeln wir andere Planeten Bild der Wissenschaft 06/2014 (Auszug) Der deutsche Astronaut Alexander Gerst startet Ende Mai auf die Internationale Raumstation. Im Interview mit Bild der Wissenschaft spricht er […]
  • „Außerirdisches Leben halte ich für wahrscheinlich“„Außerirdisches Leben halte ich für wahrscheinlich“ stern.de, 19.11.2010  -  online Die ESA hat ihre neuen Raumfahrer vorgestellt. Mit dabei Alexander Gerst, der 2014 als erster der sechs zur ISS fliegen soll. Er hat zudem gute Chancen, […]
  • „Kriegsführer ins Weltall!“„Kriegsführer ins Weltall!“ Langfassung meines Interviews mit der Weltraumtouristin Anousheh Ansari, das am 6. Julli 2013 in der Stuttgarter Zeitung erschienen ist - pdf Sie kommt in Highheels zum Interview und […]