„Der Computer ist mein erweitertes Ich“

spektrum.de, 22. März 2013Link

Thad Starner, 43, ist einer der Pioniere des Wearable Computing: Seit mehr als 20 Jahren trägt er einen Computer am Körper wie andere ein Unterhemd oder eine Jacke. Der Professor am Georgia Institute of Technology (USA) hat sich ein zweijähriges Sabbatical genommen, um die Googlebrille mit zu entwickeln. Aktuell testet er als einer der technischen Leiter die Brille auf ihre Alltagstauglichkeit. Das stellt ihn vor ein Problem: sie hat nicht alle Funktionen seines alten Systems. Ein Gespräch über die Möglichkeiten und Grenzen moderner Computertechnologie und darüber, wie sie unser Leben verändert.

Thad Starner kommt mit der Googlebrille zum Interview in Stuttgart, ein auffälliges Gadget: ein leuchtend blauer Brillenbügel verbindet sein rechtes Ohr mit der Augenbraue. Er streicht hin und wieder über den Bügel, um dann Sprachbefehle wie „ok glass, take a picture“ einzugeben. Die Geste erinnert an Pan Tau und seinen Hut. Zauberei ist die Googlebrille nicht, versichert Starner, aber für ihn weist sie in die Zukunft.

Sie sind heute mit der Googlebrille durch Stuttgart gelaufen. Wurden Sie oft angesprochen?

Nein, eigentlich nicht.

Kommt Ihnen das nicht komisch vor?

Ich denke nicht darüber nach. Für mich ist es ganz normal, einen Computer am Körper zu tragen. Das ist wie Fahrradfahren. Man denkt nicht darüber nach, man tut es einfach.

Sie tragen seit mehr als 20 Jahren einen Computer am Körper, stets ein Display vor den Augen, eine Art Tastatur in der Tasche. Was haben Sie davon?

Der Computer ist mein erweitertes Ich, er gehört zu mir und erweitert meine Fähigkeiten.

Inwiefern?

Er ist mir beispielsweise eine Gedächtnisstütze. Wenn ich einen Vortrag halte, habe ich mit wenigen Tastendrücken Zugang zu meinen Notizen oder älteren Vorträgen – sie erscheinen direkt vor meinen Augen. Oder wenn ich jemanden nach zehn Jahren wieder treffe, sagt mir mein System beispielsweise wie seine Kinder heißen, wie alt sie jetzt sind und worüber wir zuletzt geredet haben. Ich kann daran sofort anknüpfen.

Ob das Ihrem Gegenüber immer recht ist?

Andere Leute nutzen dafür Notizen. Und Politiker haben oft jemanden, der hinter ihnen herläuft und ihnen einflüstert: Hej, das ist der Soundso, der dir neulich so und so viel Millionen gespendet hat. Mein System macht das anders, nämlich schneller und unauffälliger. Ich muss das Gespräch dafür nicht unterbrechen.

Sie lesen Informationen über Ihren Gesprächspartner, während Sie mit ihm reden?

Ja, und ich schreibe mir neue auf. Während eines Gesprächs entsteht so eine Timeline auf dem Display meiner Brille. Oben ist die Vergangenheit: Notizen über unser bisheriges Gespräch. Und unten die mögliche Zukunft: Stichworte für das, worüber ich noch mit demjenigen reden möchte. Wenn wir unterbrochen werden, kann ich jederzeit wieder in das Gespräch einsteigen. Ich verliere nie den roten Faden.

Schreiben Sie dieses Gespräch auch mit?

Ja, klar. Ich notiere mir, was Sie fragen und was ich gesagt habe. Ich bin übrigens schneller als Sie, denn Sie müssen immer auf ihren Block schauen, während ich Sie die ganze Zeit anschauen kann. Dieser Fokuswechsel kostet Sie Aufmerksamkeit und Energie. Das könnten Sie sich sparen mit einem Wearable. Außerdem schreiben Sie von Hand, was langsam ist, während ich tippe.

Sie tippen? Wo ist Ihre Tastatur?

In meiner Hosentasche (er zeigt seinen „Twiddler“, eine Art ein-Hand-Tastatur, die mittels Griffakkorden funktioniert, ähnlich wie Gitarre spielen: jeder Buchstabe besteht aus einer Tastenkombination)

Das bestätigt doch die Meinung der Kritiker der Googlebrille: Sie haben einen Apparat, der während des Gesprächs unsichtbar und für den Gegenüber unberechenbar Informationen bereit stellt. Mit Googleglass können Sie sogar Fotos und Videos machen, ohne dass der Gegenüber weiß, was Sie gerade tun. Finden Sie das richtig?

Wenn ich mit der Brille ein Foto machen möchte, mache ich das über Sprachbefehle. Das geht nicht heimlich. Aber abgesehen davon: es gibt eine gesellschaftliche Konvention, die besagt, dass man niemanden heimlich fotografiert. Wieso sollte sich das ändern? Wer heimlich Fotos machen will, macht das auch ohne Googleglass. Heute hätten die meisten Leute mit ihrem Telefon die technische Möglichkeit ein Gespräch oder Telefonat aufzuzeichnen – aber sie tun es im allgemeinen nicht.

Lenkt die Brille nicht vom aktuellen Geschehen ab?

Im Gegenteil: Sie unterstützt uns, in der aktuellen Situation zu bleiben, indem sie unsere Sinne erweitert. Ich kann auf die Uhr schauen oder mit einem Blick sehen, wann mein nächster Termin beginnt.

„In der Situation bleiben“ hieße für mich, nicht nebenbei andere Dinge zu tun.

Angenommen, Sie bekommen einen Anruf während unseres Gesprächs. Um zu sehen, ob er wichtig ist, müssen Sie Ihr Handy aus der Tasche holen. Das dauert im Schnitt 20 Sekunden – eine lange Pause. Lassen Sie uns 20 Sekunden schweigen – Sie sehen, wie lange das ist. Selbst wenn Sie nur auf die Uhr schauen wollen, unterbricht das unser Gespräch. Die Brille macht uns sozialer. Sie hilft uns, die Unterbrechungen in unserem Leben zu verringern.

Aber sind Sie nicht nur mit halber Aufmerksamkeit beim Gespräch, wenn Sie nebenbei über eingehende Anrufe informiert werden?

Ich bin weniger abgelenkt, wenn ich das Handy vorkramen muss. Aber Sie haben Recht, es geht noch besser: wir müssen die Technik dahin bringen, dass sie uns auch vor diesen Unterbrechungen schützt. Aktuell werden Systeme entwickelt, die für mich einschätzen, wie wichtig ein Anruf ist. Nur die wichtigen Anrufe kommen während eines Gesprächs durch, über die anderen werde ich hinterher informiert. Aufmerksamkeit ist unsere rarste, wertvollste Ressource.

Und das sagen Sie, die Sie seit 20 Jahren Gespräche mitschreiben. Erst kürzlich haben Forscher herausgefunden, dass Multitasking genau das macht: Unaufmerksam.

Interessanterweise hat meine Forschung ergeben, dass man sogar intensiver zuhört, wenn man sich nebenbei Notizen über ein Gespräch macht. In der Schule oder Universität schreiben wir ja auch heute noch die Inhalte der Vorlesung mit, obwohl es Bücher oder ein Skript gibt. Was man nicht tun sollte, ist, während dessen eine Mail zu schreiben. Dann hört man nicht mehr richtig zu.

Googleglass funktioniert über Sprachbefehle und hat keine Tastatur. Fehlt sie Ihnen?

Googleglass ist kein kompletter Computer. Mir fehlt in der Tat die Möglichkeit, längere Texte einzugeben. Ich brauche eine Tastatur. Ich schreibe wissenschaftliche Arbeiten im Gehen oder bereite meine Vorträge auf dem Sofa liegend vor.

Was kann die Googlebrille, was ihr altes System nicht kann?

Vieles. Diese ganze schnelle Interaktion ist viel einfacher. Fotografieren oder Sms schreiben per Sprachbefehl. Und was ich liebe: aus dem Flugzeug aussteigen und sich sofort orientieren können, die Karte vor Augen. Das alles war auf meinem alten System viel komplizierter.

Ein vollwertiger Computer kombiniert mit einem Gadget wie Googleglass – ist das die Zukunft?

Ich weiß es nicht. Vielleicht ist dieses Schreiben im Gehen auch meine Eigenart. Das werden wir erst herausbekommen, wenn die Menschen die neue Technologie ausprobieren. Wenn sie angenommen wird, wird sich unser Lebensstil ändern.

Was ändert sich?

Das kann man sich vorher nie vorstellen. Als Laptops aufkamen, haben sich viele gefragt: wozu brauche ich einen tragbaren Computer? Jetzt sind sie nicht mehr wegzudenken. Smartphones haben unseren Lebensstil ebenfalls verändert.

Wird es in zehn Jahren noch Smartphones geben?

Nein, ich glaube nicht, und ich hoffe es auch nicht. Ich glaube, die Zukunft sind Kopf-Displays wie das von Googleglass oder das meines alten Systems. Smartphones sind für mich persönlich ein Rückschritt.

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