Die Geister der Überwachung will er nicht gerufen haben

Stuttgarter Zeitung, 15. September 2015

Frieder Nake ist einer der Pioniere der Informatik und der Vater der Computerkunst. Aber was die Menschen heute mit den Maschinen machen, das stimmt den früheren Stuttgarter skeptisch.

Eines stimmt sicher: „Too old to die young“ prangt auf dem schwarzen T-Shirt des Mannes, der da vor der Tafel steht. Er geht auf die 80 zu, jung stirbt er jedenfalls nicht mehr. Aber sollen sie ansonsten alles glauben, was der Informatikprofessor da vorne erzählt? Die Studierenden schauen skeptisch. „Ihr braucht keine Angst vor der künstlichen Intelligenz haben. Die kann es gar nicht geben“, ruft der kleine drahtige Mann in schwarzer Hose, schwarzen Sportsocken und schwarzen Birkenstocks in die Runde. „Element of crime“, steht unter dem Spruch auf seinem Shirt. Der Professor spürt die Skepsis. „Später werdet ihr euch an mich erinnern und an dieses „crime“ und euch denken: was war das? Das muss ein Krimineller gewesen sein“, sagt er und lacht.

Frieder Nake wirkt in diesem Seminarraum an der Bremer Kunsthochschule wie aus der Zeit gefallen. Seine Studenten sind mehr als 50 Jahre jünger als er, sie kennen ihn bisher nur aus Büchern, seine Werke aus Ausstellungen – und viele sind genau deshalb gekommen: er ist der Vater der Computerkunst, er ist überhaupt einer der ersten Menschen, die Computer programmiert haben. Er verkörpert ein Leben, das mit der Liebe zur Computersprache begann. Eine zwiespältige Liebe, wie sich im Laufe der Zeit herausstellen sollte.

„Also merkt euch das: eine gut programmierte Maschine macht nur das, was sie soll“, fährt er fort. Sie interpretiert nicht, sie rechnet. Die Studierenden hängen an seinen Lippen. Der Mann, der ihr Großvater sein könnte, begründet seine Aussage unter anderem mit der Theorie eines noch älteren Mannes, der schon seit hundert Jahren tot ist. Dieser Charles Peirce habe bereits 1906 eine Zeichentheorie aufgestellt, die den jungen Menschen hier helfen könnte, das zu begreifen, was sie da studieren: digitale Medien. „Jeder Moment unseres Daseins ist ein Interpretieren von Zeichen“, sagt Nake. Das sei die Postmoderne. „Wir verlieren alles, was haptisch ist.“ Als kleinen Protest dagegen druckt Nake jede Mail aus, die für ihn Bedeutung hat. „Dann lösche ich sie sofort: wenn die NSA sie nicht schon hat, bekommt sie sie nicht mehr von mir.“ Achja, da fällt ihm etwas ein. Er zeigt auf sein Macbook: „Meine Lebensgefährtin sagt, da ist eine kleine Kamera drin.“ Die Studenten nicken. „Klebt ihr die ab?“ Sie nicken wieder. „Normalerweise leuchtet ein kleines Licht, wenn die Kamera filmt“, sagt eine junge Frau mit kurzen blondierten Haaren – und fügt grinsend hinzu: „Aber nicht, wenn die NSA dahinter steckt.“

Nicht erst seit dem Skandal um die Spähattacken der amerikanischen Sicherheitsbehörde hadert Frieder Nake mit seinem Fach. Er ist ein Informatiker der ersten Stunde und gleichzeitig einer der größten Kritiker seiner Disziplin. Das durchzieht seine Karriere. Dabei begann sie fast romantisch.

Im Sommer 1958 sitzt der Stuttgarter Mathematik-Student Frieder in einem Raum bei IBM in Böblingen, allein mit einem Computer. „Das ist er also“, hat der Mann gesagt, der ihn hier hinein geführt hat und auf die große Maschine gezeigt. Er solle warten, gleich komme der Praktikantenbetreuer. Dann verschwindet der Mann, lange Zeit kommt niemand. Vorsichtig umrundet der Erstsemesterstudent die riesige Maschine: sie ist einer der ersten Computer überhaupt. Irgendwann entdeckt er die Magazine, die „wie beim Friseur“, wie er später sagt, auf einem Tisch im Raum liegen. Der Vergleich hinkt freilich, denn im Gegensatz zu Illustrierten mit Neuigkeiten aus der Welt der Schönen und Reichen findet er ausführliche Bedienungsanleitungen des Computers. Der kann Wurzeln berechnen, mathematische Funktionen ausführen, ungefähr das, was heute ein Taschenrechner kann. Ob der Praktikantenbetreuer jemals kam, kann Nake heute nicht mehr genau sagen. Er brauchte ihn nach dieser ersten Begegnung mit dem Computer nicht mehr. „Ich war so beeindruckt von dieser Maschinensprache“, erinnert er sich. Er bringt sie sich selbst bei und programmiert bei IBM einen immerwährenden Kalender.

Wenige Jahre später weist Frieder Nake eine Maschine in ihre Grenzen. Es ist die Lieblingsanekdote seines Lebens, wie er freimütig gesteht. Und der Wendepunkt. 1963 arbeitet der 24jährige Student als Hiwi am Rechenzentrum der Uni Stuttgart, als ihn ein nahezu fremder Mann anspricht: „Wir werden eine Zeichenmaschine kaufen müssen“, sagt der Professor, der erst kürzlich aus Wien nach Stuttgart kam. Der junge Student hat keine Ahnung, was eine Zeichenmaschine ist. „Dafür werden wir keine Software kriegen“, fährt der Professor fort, „machen Sie das?“ Nake sagt ja – ohne zu wissen, was da auf ihn zukommt. Aber er arbeitet sich ein, schreibt ein Programm für die Maschine, die sich als Plotter herausstellt. Als er sein Programm testen wil, beschließt er aus einer Eingebung heraus, das nicht systematisch sondern chaotisch zu tun. Er lässt die Maschine zeichnen auf der Grundlage zufällig erzeugter Zahlen und begründet damit die Computerkunst. Sein Frühwerk besteht aus  Zeichnungen aus dem damaligen Plotter, die aussehen, als habe jemand mit dem Geodreieck unzählige sich treffende Linien gezogen und die Winkel dabei immer ein wenig versetzt. „Ich habe die Maschine, die rechnen wollte, gezwungen zu zeichnen“ triumphiert er noch heute: „Maschinen sind dumm.“ Diese Überzeugung zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Auch wenn er diesen Satz heute mehr und mehr wie eine Warnung ausspricht.

„Wir Menschen haben einen Spielraum, Zeichen zu interpretieren“, erklärt er den Studierenden im Seminar über unser Leben in der postmodernen Zeichenwelt. Beispielsweise interpretiere er als Radfahrer eine rote Ampel als Zeichen dafür, mit Bedacht weiter zu fahren. Auch wenn er dafür immer mal wieder mit Polizisten in Streit gerate, die rote Ampeln anders interpretieren. Die Studenten lachen. „Maschinen aber können nicht interpretieren“, sagt Nake ernst. Sie können nur vorherbestimmte Aktionen ausführen. „Wenn wir Maschinen Intelligenz zuschreiben, reduzieren wir die Menschen auf ein Determinieren.“ Die jungen Leute hören gebannt zu. „In diesem Sinne sind Menschen, die für künstliche Intelligenz sind, Feinde der Menschen.“

Einige Jahre nachdem er eine Maschine zum Zeichnen gezwungen hat –  Nake ist inzwischen promovierter Mathematiker – schreibt er gemeinsam mit Kollegen der Uni Stuttgart ein Memorandum für die Computerwissenschaft. Die Universität bewilligt schließlich Gelder und Stellen. Nake erhält einen der ersten Lehraufträge für das neue Fach. Dann aber hat er keine Zeit mehr. Er muss streiken. 1968 werden die Notstandsgesetze verabschiedet, in Stuttgart gibt es Studentenunruhen, Nake ist mittendrin. Schließlich wandert er wegen der Notstandsgesetze gar nach Kanada aus. Die BRD schränkt die Freiheit ihrer Bürger ein, da möchte er nicht mehr leben. Aber am Tag vor seinem ersten Colloquiums-Vortrag in Quebec werden auch in Kanada Notstansgesetze verabschiedet. Nake ist ein berühmter Künstler, er weiß, dass die Menschen ihm zuhören. Er fühlt die Verantwortung, etwas zu sagen. Sein Herz klopft, als er in Kanada die Notstandsgesetze kritisiert, seine Zuhörer sind begeistert. Ein Freund nimmt ihn ansschließend beiseite: „Lass das mit den Computern, sie fördern die Überwachung.“
In Nake arbeitet es.

1971 erhält er einen Brief von linken Genossen aus Berlin: In Bremen solle eine fortschrittliche Uni gegründet werden, wissenschaflicher Betrieb wird neu gedacht, es gibt nur Projekte, keine starren Seminare. „Die brauchen Leute wie dich“. Nake folgt diesem wortwörtlichen Ruf und wird 1972 Professor in Bremen. Nahezu gleichzeitig werden in der Hansestadt die ersten Werften geschlossen. Die Arbeiter gehen auf die Straße, die beginnende Automatisierung bringt die großen Metallerstreiks Anfang der siebziger Jahre in Deutschland hervor – und Nake erneut ins Zweifeln. Hat er diese Geister mit gerufen? Sind die Computer schuld an allem Übel? Er entscheidet sich für einen radikalen Schnitt: „There should be no computer art“, schreibt er in einem Aufsatz. Sein Text wird in der Kunstszene breit diskutiert: Der Vater der Computerkunst sagt, sie solle es nicht geben. Nake beschließt, nur noch als Kritiker der Informatik zu agieren.

Mehr als zehn Jahre nachdem Nake mit ihnen bereits abgerechnet hat, dringen Computer in das Bewusstsein der großen Masse vor. 1984 kommt der erste Macintosh auf den Markt – seine heutigen Studenten sind da noch nicht einmal geboren. „Für euch sind diese 30 Jahre eine Riesenzeit, weil ihr so unverschämt jung seid“, ruft er im Seminarraum, „für mich ist das quasi null. In null Zeit ist der Computer in die Kultur eingegangen.“ Er führt den Studierenden quälend ausführlich anhand eines leeren Word-Dokument vor, wie selbstverständlich der Umgang mit algorithmischen Zeichen für uns heute geworden ist. „Wer bewegt hier die Maus? Das sind nicht Sie, das macht der Computer. Was für uns ein Zeichen ist, ist für die Maschine ein Signal.“ Zur Auflockerung erzählt er, wie er früher Manuskripte für die Studentenzeitung „auf komischen Schreibmaschinen“ getippt und diese dann in einer Setzerei mit Bleisatz gesetzt wurden. Die Studenten hören ungläubig zu als sei der Professor direkt einer Zeitmaschine entsprungen.

Frieder Nake hält nicht viel von den gegenwärtigen Modethemen der Informatik. „Meine Herren Kollegen machen ja nur so blödes Zeug wie Usability“, schimpft er. Er hält ihnen gerne vor: „Was ihr da Usablity nennt, ist eine Frage der Ästhetik.“ Als Mathematik-Student in Stuttgart hat Nake einst Philosophie-Vorlesungen besucht, mit Max Bense über Ästhetik diskutiert. Das hat ihn geprägt. Auch intelligente selbst lernende Algorithmen hält er für Humbug. „Hallo, wer lernt denn hier??“ ruft er aus. Lernen geschehe aus Interesse. Funktionen, die sich an ihrem Erfolg oder Misserfolg orientieren, so sieht er es nüchtern als Mathematiker, haben mit Lernen nichts gemein. „Das ist nur ein Anpassen von Parametern in den Gleichungssystemen, die der Rechnung zugrunde liegen.“

Für ihn sind das nichts anderes als technische Systeme, die mit aus der Umwelt gegriffenen Daten „mit einiger Zuverlässigkeit“ Schlüsse ziehen. Das führe zu Robotern, die versuchten, dem Menschen möglichst ähnlich zu sein. Aber wollen wir das? „Meine Kollegen sagen wahrscheinlich: der spinnt. Aber ich will nicht von einem Roboter gepflegt werden, sondern von einem echten Menschen“, sagt Nake. Er will auch nicht auf seinen „Datenschatten“ reduziert werden, den jeder heutzutage unfreiwillig im Alltag erzeuge. Er nutzt deshalb kein Smartphone und kein Online-Banking, er hat nicht mal eine EC-Karte. „Die Menschen prostituieren sich mit ihren Daten, da mache ich nicht mit.“ Überwachung und Kontrolle – diese Geister will er nicht gerufen haben.

Seit er eine Maschine zum Zeichnen gezwungen hat, obwohl sie rechnen wollte, weiß Frieder Nake, was eine Maschine ist: Sie macht nur das, was Menschen programmieren. Damit haben die Menschen die Verantwortung. „Ein Computer ist ein Medium, das jederzeit zum Instrument werden kann“, beendet er seine Vorlesung an der Kunsthochschule. Dann schaut er ernst in die Runde. „Ich fände es oberaffengeil, wenn es an dieser Stelle zu Diskursen käme. Wir lernen aus der Begegnung im Widerspruch.“ Und fügt grinsend hinzu: „Achso, man sagt nicht mehr oberaffengeil. Halten wir es mit den 20er Jahren: Wie wäre es mit Schniekeschnafte?“ Igendwie ist er auch gerne aus der Zeit gefallen.

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