Die mündigen Schüler

Stern Ratgeber Bildung, 1/2010

An der Grund- und Hauptschule Altingen in Ammerbuch, Baden-Württemberg, dürfen die Schüler mitbestimmen, ihre Lehrer manchmal sogar überstimmen.

Die Neuntklässler sitzen im Stuhlkreis in ihrem Klassenzimmer. An der Tür hängt ein Zettel, auf dem steht: „Du bist nicht nur verantwortlich für das, was du tust, sondern auch für das, was du nicht tust.“ Es ist still. Einige Mädchen schauen verlegen auf den Boden, zwei Jungen in bunten Kapuzenpullovern blicken demonstrativ aus dem Fenster, die Unterlippen trotzig nach vorne geschoben. Nur Markus (Name geändert) grinst. Der schlaksige Junge flätzt auf seinem Stuhl, die Hände in den Hosentaschen, die Beine streckt er lässig in die Runde. Ihm gegenüber sitzt Rektor Ulrich Scheufele. „Wie fühlt man sich, wenn man über ein ernstes Problem sprechen will und andere lachen?“ fragt er.

Normalerweise regeln die Schüler an der Grund- und Hauptschule im schwäbischen Altingen ihre Angelegenheiten selbst, dazu haben sie eigens eine Institution, den wöchentlichen Klassenrat. Klassenlehrer Matthias Weiß sitzt mit in der Runde, heute haben die Schüler zudem den Schulleiter eingeladen, denn das Problem sitzt tief: Immer wenn es ernst wird in der Klassenrunde, grinsen einige der Jungen. „Das ist nicht okay“, sagt Mahmut, „eigentlich ist es respektlos.“ Aber er kennt seine Mitschüler seit vielen Jahren. Er hat sich mit ihrem Gehabe abgefunden. „Ich beachte die Grinser schon gar nicht mehr“, stimmt ihm Richard zu. „In der Versammlung seid ihr für mich wie leere Stühle“, sagt er in Richtung Markus . Der setzt sich aufrechter hin und schaut verlegen in die Runde.

Die Altinger Schüler können sehr direkt sein. Schulleiter Scheufele findet das gut: „Unsere Schüler sollen Konfliktfähigkeit lernen.“ Würden Konflikte aus einem falschen Harmonieverständnis heraus unterdrückt, entstehe daraus vielleicht Gewalt. In Altingen kommen Probleme gleich auf den Tisch, so früh wie möglich. „Das stärkt die Persönlichkeit der Schüler“, so Scheufele, „und eine starke Persönlichkeit brauchen sie als Grundlage für Zivilcourage.“

Auch in der ländlichen Umgebung von Tübingen ist die Welt längst nicht mehr heil. „Bei uns landen viele Problemfälle“, sagt der Schulleiter, „auch solche Kinder, die anderswo keine Chance mehr bekommen.“ In Altingen wurden Schüler aus der Psychiatrie aufgenommen und solche, die schon von einigen anderen Schulen geflogen sind. Die Schule mit knapp 200 Schülern, ein Viertel davon aus Migrantenfamilien, kämpft mit viel Elan für ein gleichberechtigtes Miteinander, für Demokratie, die nicht im Plenarsaal in Berlin stattfindet, sondern im Klassenzimmer, auf dem Schulhof oder in der Sporthalle.

Ob es eine Schule mit der Demokratie ernst meint, zeigt sich nicht nur an Institutionen wie Klassenrat oder Schulversammlung und an den Wahlen zum Klassensprecher. „Wichtig ist eine Gesamtatmosphäre der gegenseitigen Achtung, des Respekts und der Beteiligung“, sagt Peter Fauser, Professor für Schulpädagogik und Schulentwicklung in Jena. Schüler könnten nur dann Verantwortung übernehmen, wenn ihre Stimme wirklich zählt: „Sie müssen Gehör finden und nicht nur mitlaufen.“ Die Altinger Schüler wissen von der ersten Klasse an, dass ihre Fragen und Probleme ernst genommen werden und sie sich jederzeit Hilfe holen können – sei es beim Lehrer, bei Mitschülern oder bei ihren Paten aus den höheren Klassen. „Konflikte gehen bei uns immer vor“, sagt Schulleiter Scheufele. Jeder Schüler kann jederzeit eine Sondersitzung des Klassenrates einberufen, wenn ihm ein Problem auf der Seele brennt und nicht bis zum wöchentlichen Termin des Gremiums warten kann. Dafür fällt dann auch mal eine Mathestunde aus – das ist für die Altinger keine Schmusepädagogik, sondern Pragmatismus.“ Ein gesundes Selbstwertgefühl ist die Voraussetzung, um wirklich lernen zu können,“ betont der Rektor.

Im Besprechungsraum von Schulsozialarbeiter Walter Brückner sitzen in der dritten Stunde neun Streitschlichter der achten Klasse um einen Tisch. Die Schüler haben sich im vergangenen Schuljahr freiwillig für das Amt gemeldet, Brückner hat sie in einer dreitägigen Schulung vorbereitet. Die Gruppe trifft sich regelmäßig und bespricht aktuelle Fälle. Die 16-jährige Madlen berichtet vom Ergebnis ihrer jüngsten Schlichtung: „Die beiden gehen sich jetzt aus dem Weg.“ Es klingt enttäuscht. Das blonde Mädchen hatte einen schwierigen Fall zu lösen: ein Fünft- und ein Siebtklässler haben sich auf dem Pausenhof beschimpft. „Türkischer Bastard“ soll der ältere den jüngeren Schüler genannt haben, Kerim (Name geändert) habe ähnlich schlimme Ausdrücke gebraucht. Die Kontrahenten kloppten sich darauf in der Schultoilette. Eine Lehrerin schickte die beiden zu Madlen und Mahmut.

Die Streitschlichter schlugen den Kontrahenten daraufhin einen gespielten Kampf mit Styroporstangen vor, um ihre Energie loszuwerden. „Die waren anfangs so wütend, ich hatte fast Angst“, erinnert sich Madlen. Nach dem Kampf im Raum der Streitschlichte war die Wut erstmal raus, aber sie wird wieder kommen, glaubt Madlen. „Wie sieht also eure Lösung aus?“, fragt Brückner in die Runde. „Es fehlt was“, sagt ein Junge. „Aus dem Weg reicht nicht“, ergänzt ein Mädchen, „sie müssen eine echte Lösung finden.“ Vielleicht ein Spiel anbieten, das beiden Spaß macht und den Streit vergessen lässt? Oder einen Verwandten von Kerim um Hilfe bitten? Vielleicht braucht er einen Dolmetscher, der ihm den Rücken stärkt? Sie beschließen, ihm das vorzuschlagen.

Streitschlichter gibt es an vielen Schulen. Aber in Altingen sollen sie nicht nur die Streitenden trennen. „Schlichter lernen bei uns auch, sich in andere hinein zu versetzen,“ erklärt Walter Brückner. Dafür braucht es eine gute Ausbildung durch Schulsozialarbeiter oder Lehrer. Die Schlichter lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich selbst zu reflektieren. Auch schwierige Schüler dürfen sich in Altingen zu Streitschlichtern ausbilden lassen. „Dadurch integrieren wir sie“, sagt Brückner. Offensichtlich mit Erfolg: In den 23 Jahren, seit die Schule ihr „Altinger Konzept“ umsetzt, gab es gerade mal zwei Fälle von Gewalt jenseits harmloser Pausenhofkloppereien an der Schule.

Demokratie und Verantwortung beginnen allerdings nicht erst dort, wo es Probleme gibt. Alle, auch die Schüler, sollen die Schule als Ort begreifen, den sie mitgestalten dürfen. Nicht leicht in einer Institution, die doch traditionell eher undemokratisch ist und von den Erwachsenen beherrscht wird. In Altingen bestimmen alle gemeinsam: Im Klassenrat, dem Parlament der Schüler, hat auch der Klassenlehrer nur eine Stimme, so wie jeder seiner Schüler. Hier wird geregelt, was im Alltag der Klasse wichtig ist. Auch auf Schulebene wiegen die Stimmen von Lehrern und Schülern in der Schulversammlung gleich viel, die Schüler können die Lehrer auch mal überstimmen. So haben sich die Altinger Schüler beispielsweise einen Limo-Automaten im Treppenhaus erkämpft, den einige gesundheitsbewusste Lehrer partout nicht wollten.

Selten hat die Mitbestimmung der Schüler auch Grenzen. „Manche Regeln fußen auf Gesetzen und sind damit unumstößlich“, sagt Schulleiter Scheufele. In solchen Fällen haben die Lehrer ein Vetorecht. Aber was verhandelbar ist, wird gemeinsam entschieden. Auch die Gestaltung des Unterrichts ist nicht alleine Sache der Lehrer. Schon in der ersten Klasse entscheiden die Schüler in der Freiarbeitszeit selbst, welches Thema ihres Wochenplanes sie zuerst angehen. Hinterher besprechen sie mit dem Lehrer, ob ihnen das gut gelungen ist und wie sie weiter machen. In jährlichen Projekten erarbeiten sich die Schüler Themen aus den Bereichen Ökologie oder Geschichte selbst. Dafür dürfen sie überall auf dem Schulgelände recherchieren und sich die Mittel zu Hilfe nehmen, die sie dafür brauchen.

Die Schüler der Klasse Sechs nutzen an diesem Vormittag das ganze Schulhaus als Werkstatt. Drei Mädchen schließen im Klassenzimmer eine Solarzelle an ein Radio an, im Technikraum sägen vier Jungs ein Wasserrad aus Sperrholz aus. Seit einigen Wochen arbeitet die Klasse an ihrem Energieprojekt. Die Schüler haben sich die Themen selbst ausgesucht und wollen ihre Ergebnisse in wenigen Tagen der Schule und interessierten Bürgern präsentieren. Bis dahin muss alles funktionieren, das ist die Verantwortung der Schüler. Klassenlehrerin Jutta Hanner wandert zwischen den Räumen. Sie greift bewusst kaum ein, beantwortet nur hier und dort mal eine Frage. „Man muss als Lehrer loslassen können“, sagt sie, „Vertrauen ist wichtiger als Kontrolle.“ Am Ende des Schultages beurteilen die Schüler im gemeinsamen Gespräch mit der Lehrerin ihr Ergebnis selbst und entscheiden, wie sie morgen fortfahren wollen.

Loslassen heißt nicht laissez-faire. Wichtig ist, so betonen die Altinger Lehrer, eine gute Mischung aus Transparenz, Mitbestimmung und Führung. Die Schüler werden nicht allein gelassen, sie müssen keine Entscheidungen treffen, die sie überfordern. Die Lehrer haben ein feines Gespür dafür, wann sie lenkend eingreifen sollten. Die Transparenz sieht man in Altingen an den Wänden der Klassenzimmer: Wochenpläne informieren die Schüler darüber, was sie in den nächsten Tagen lernen. Daneben hängen beispielsweise die Regeln für das Klassenprojekt: ein Vertrag, den alle Schüler gemeinsam entwerfen und unterschreiben. Die Schulordnung besteht nur aus wenigen Sätzen, auch sie wird jedes Schuljahr von allen Schülern und Lehrern unterschrieben und ausgehängt.

Gemeinsam haben Lehrer, Eltern und Schüler auch den Schulhof verändert: Sie bauten das Freiluftklassenzimmer – eine kleines Amphitheater aus Steinblöcken -, pflanzten außerdem das „Labyrinth“ aus Hecken und Sträuchern, gestalteten eine Kletterwand und richteten in einem alten Bauwagen  den „Saftladen“ ein, der die Schüler in der Pause mit Getränken versorgte. Auch jeder Winkel des kleinen Schulgebäudes wird genutzt, wenn dies die Schulgemeinschaft will. Eine Projektgruppe der neunten Klasse hat in Eigenregie einen Kellerraum mit Teeküche, Computern und Tischkicker ausgestattet. Die Schüler verwalten den Raum selbst. So lernen sie, verantwortungsbewusst mit den Dingen umzugehen und stellen Umgangsregeln auf. Für eine liebevolle Gestaltung des Schulhauses braucht es nicht viel Geld, wie das Altinger Beispiel zeigt: Der Förderverein sucht Sponsoren, vieles wird in Eigenleistung gemacht, auch die Eltern packen mit an. In Altingen fühlen sich alle für „ihre“ Schule verantwortlich.

„Ob eine Schule Verantwortung ernst nimmt, spürt man schon, wenn man sie betritt“, sagt Professor Fauser. Schön gestaltete Räume spiegeln den gemeinsamen Geist wieder, ebenso wie das Auftreten der Schüler: „In einer guten Schule sprechen die Kinder Fremde sofort an und fragen beispielsweise, ob sie helfen können.“ Hier gehe es nicht um Höflichkeit, sondern um das „optimistische Vertrauen ins eigene Handeln“, so Fauser: Die Kinder sind gewohnt, dass sie gefragt sind.

Am Ende des Klassenrates verspricht Markus seinen Mitschülern, an sich zu arbeiten: Er will nicht mehr grinsen, wenn Andere ernste Themen besprechen wollen. Die Jugendlichen haben ihm auf den Kopf zugesagt, dass sie glauben, er überspiele damit seine Unsicherheit. Sie wollen ihm Zeit geben, das zu ändern. So kann er es annehmen. Doch schon nach der großen Pause zeigt Markus seine andere Seite: Er sitzt im Klassenzimmer der Erst- und Zweitklässler auf dem Boden, umringt von drei kleinen Jungen. „Lesen und spielen“ steht auf dem Stundenplan: Abwechselnd besuchen die Schüler der achten und neunten Klasse ihre Patenkinder. „Ich kann Markus alles fragen und er beschützt mich“, sagt der siebenjährige Leon. Gemeinsam bauen sie einen Turm aus Bierdeckeln und werfen ihn lachend wieder ein. Klassenlehrer Matthias Weiß steht kopfschüttelnd in der Tür. Er erkennt Markus nicht wieder: Aus dem coolen Halbstarken ist ein verantwortungsbewusster „großer Bruder“ geworden. Wer anders als der kleine Leon hätte ihn zu dieser Rolle bringen können?

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