Die Spione, die ich liebte

Stuttgarter Zeitung, 10. November 2017

Die Technikjournalistin Eva Wolfangel hat in unzähligen Artikeln vor datenhungrigen Apps gewarnt. Im Selbstversuch während einer Recherchereise in die USA verliebt sie sich allerdings in deren allumfassenden Service und kann auf einmal verstehen, wieso Menschen gerne verdrängen, dass ihre Bewegungsprofile auf amerikanischen Servern liegen und Uber weiß, mit wem sie eine Affäre haben.

Als ich in diesem Sommer den Spion in mein Leben ließ, hatte ich noch kein Ahnung, wie schwer es werden würde, mich von ihm wieder zu trennen.
Es geschah irgendwie zufällig, wie so viele Dinge im Leben, die einem die Augen öffnen in Momenten, mit denen man nicht damit rechnet. Ich plante eine größere Recherche unter anderem in den USA, das erste Ziel Atlanta mit einer etwas unglücklichen Terminplanung, die dazu führte, dass ich meinen Protagonisten an meinem ersten Abend dort treffen würde – direkt nach einem zehnstündigen Flug und zu einer Zeit, zu der es Zuhause bereits tiefe Nacht sein würde. Also suchte ich ein Hotel bei ihm in der Nähe, um Wegzeiten zu sparen. Doch es gab keines.

„Ein Gast – überall – jederzeit“: dieser Schriftzug lacht mich an, als ich schließlich „nur mal schaue“, wie es denn wäre, was es denn möglicherweise gäbe, wenn ich eine dieser Apps in Anspruch nähme, vor deren Datenhunger ich in unzähligen Artikeln gewarnt habe. Es ist AirBnB, eines dieser aus dem Boden geschossenen amerikanischen Unternehmen, die in Deutschland meist im gleichen Satz genannt werden mit Uber und die wahlweise für den Untergang des Taxigewerbes oder für den der Hotelbranche verantwortlich gemacht werden. Doch das größere Problem aus meiner Sicht ist das der Privatsphäre: Diese Apps wissen zu viel über ihre Nutzer. Sie wissen, wo sie wohnen, wo sie gerne essen gehen, wo ihr bester Freund wohnt und wo die Affäre, wo sie arbeiten und ob sie zur Psychotherapie gehen oder zur Kinderwunschberatung oder zu beidem. Sie sammeln Fotos und Texte, aus denen sich unsere privatesten Geheimnisse berechnen lassen. Und sie behalten das alles nicht unbedingt für sich.

Ich habe in meinem bisherigen Leben großen Aufwand betrieben, um derlei Unternehmen so wenig Einblick in mein Leben zu geben wie möglich. Ich nutze Google nicht und schon gar nicht Googlemaps, weil ich nicht will, dass auf amerikanischen Servern Bewegungsprofile von mir gespeichert werden, und auch nicht meine politischen Ansichten, meine Interessen oder meine Vorlieben jedweder Art, die Google sehr genau aus Suchanfragen extrahieren kann. Mir geht es um meine Freiheit. Doch drei Wochen im Herbst 2017 lassen mich verstehen, wieso die Menschen diese Bedenken gerne beiseite wischen.

Der Dammbruch startet mit Facebook. Ich hatte Facebook bisher von meinem Handy fern gehalten und rein beruflich genutzt am Desktop-Computer. Schon das war ein Kompromiss, aber für Nordamerikaner ist ein rosa Einhorn realer als eine Tech-Journalistin ohne Facebook-Profil. Das war beruflich nicht mehr tragbar.

Es ist eine dieser Nächte, in denen Amerika wach ist und ich verzweifelt versuche, meine Kontaktpersonen zu erreichen. Unzählige Mails sind ins Leere gelaufen, ich fürchtete schon, ihnen sei etwas zugestoßen, es kam einfach keine Antwort. Ich recherchiere auf Facebook und lese persönlichste Details aus dem Leben von Menschen, von denen ich bislang nur das Pseudonym aus der Virtuellen Realität kenne. Und Facebook spürt offenbar, dass ich in eine neue Szene eintauchte: kaum bin ich mit dem ersten VR-Kontakt befreundet, bekomme ich Vorschläge aus unserem gemeinsamen Bekanntenkreis: Menschen, die ich nur aus der Virtuellen Realität kenne. Ich sehe auf einmal Fotos ihrer Kinder und ihrer Hochzeit und ihrer Freunde und ihres Essens…

Ich fühle mich schon wie eine Stalkerin, als endlich Mark reagiert, dem ich seit einem halben Jahr Mails geschrieben habe, „Time for a call?“ schreibt er via Facebook – ich soll schnell den Facebook Messenger auf dem Handy installieren. Es ist die Rettung meiner schon gescheitert geglaubten Recherche, der Messenger auf meinem Handy erscheint auf einmal alternativlos. Ich telefoniere via Facebook – und fühle mich wie eine Verräterin meiner eigenen Ideen. Schließlich weiß ich, was man aus Sprachdaten schließen kann, was aus der Stimme, was allein aus den Metadaten.

Aber es fängt gerade erst an. Der Facebook-Messenger teilt freundlicherweise weiteren Kontakten aus den USA mit, dass ich nun auch dort zu erreichen sei, bei ihnen leuchtet wie bei mir ein grüner Punkt auf, der anzeigt, dass derjenige gerade online ist. „Ben“ leuchtete auf einmal Grün, ein weiterer Protagonist, der meine Mails ignoriert, „zuletzt aktiv vor drei Minuten“ – super, da gibt’s keine Ausrede mehr! Nicht zu antworten, wenn man weiß, dass der andere weiß, dass man gerade eben online ist – das ist schon grob unhöflich. Aber Ben freut sich sogar: „Super, dass du jetzt auch hier bist, das ist doch alles viel einfacher“, drei Minuten später organisiere ich meine USA-Recherche im Gruppenchat. Ich vergesse die Mails und die schlaflosen Nächte, die mir meine mailfaulen Kontakte beschert haben. Ein neues Leben hat angefangen, jetzt bin ich „connected“ wie Mark Zuckerberg von Facebook sagt, „vernetzt mit deinen Freunden“, und auch mit allen möglichen anderen Leuten.

„Packe deine Sachen“, vermeldet da mein Handy, „deine Reise nach Atlanta startet bald.“ Airbnb sorgt gut für mich. In Atlanta wartet Ben auf mich – und Brendan. „Sein Vater ist sehr nett“, habe ich in den Bewertungen von AirBnb vorher gelesen. Und vorallem: er wohnt nicht weit von meinem Interviewpartner Ben. „Schreib Brendan etwas über dich“ hatte mich die App aufgefordert. Ich habe schon viel darüber geschrieben, wie Bewertungen in der Sharing-Ökonomie eine Art Währung darstellen – jetzt spüre ich es auf einmal selbst. Die Menschen sollen mich nett finden, nicht nur, weil ich irrational harmoniebedürftig bin, sondern weil sie mich als Gast aufnehmen sollen. Manche Gastgeber bestätigen die Buchung erst nach einer solchen Bewerbung, die AirBnB harmlos anfordert mit „erzähle John etwas über dich.“ Bei John gebe ich mir besondere Mühe, auch wenn ich für San Francisco – meiner letzten Station der Reise – eigentlich bereits ein Hotel gebucht habe. Doch die App präsentiert mir wie beiläufig auf der Startseite auf einmal Unterkünfte dort, sie schreibt verführerisch „Du hast Glück, Johns Unterkunft ist normalerweise ausgebucht“, daneben leuchtet ein Edelstein, er sei ein „Superhost“ – und Johns bisherige Gäste schwärmen von seiner Gastfreundschaft. Jetzt will ich unbedingt dort übernachten!

Das stachelt mich an, so dass ich auch mein Hotel in Seattle storniere, weil Airbnb mir einen „Superhost“ empfiehlt: Steven ist Tanzlehrer, Choreograf, macht Yoga und lacht gerne, das klingt toll. Er räumt sein zweites Zimmer für mich und hat einen Vorhang statt einer Tür an seinem Schlafzimmer. Es ist ein bisschen, wie wenn ich bei einem Freund übernachte. Er macht mir ein leckeres Frühstück, bei dem wir über Gott und die Welt diskutieren und nebenbei erfahre ich, was ich in Seattle auf jeden Fall sehen soll.

Bei all diesen tollen connecteten Erfahrungen verdränge ich, dass Airbnb sowohl ein Foto meines Ausweises als auch ein Selfie von mir verlangt hat und dass meine biometrischen Daten nun also verknüpft mit meinem Ausweis auf einem amerikanischen Server lagern – eine Goldgrube für die Gesichtserkennung der Zukunft.

Und wo nun eh alles zu spät und das Projekt inzwischen zum Selbstversuch geworden ist, nutze ich auch gleich noch Googlemaps. Das sagt mir ungefragt, wie das Wetter und wo Stau ist, und als ich mich mit einem Interviewpartner in Spokane (Washington) in einem Restaurant treffe, weiß Googlemaps das natürlich schon und fragt „Bist du bei Tacobell Spokane? Bitte beantworte ein paar Fragen dazu“. Wann immer ich Googlemaps öffne, hat die App einen Tipp für mich – erstaunlich häufig sogar gute Tipps: eine Restaurantempfehlung zum Abendessen, eine Busverbindung in Spokane, die sonst kaum in Erfahrung zu bringen ist. Ich frage mich, wie ich mich vorher in fremden Städten fortbewegt habe. Mit Googlemaps ist er herrlich mühelos, die App nimmt mich an der Hand wie eine treusorgende Mutter, führt mich zur richtigen Haltestelle, sagt, wann ich umsteigen muss und wie ich den Anschluss finde. Und sie schreibt auch gleich dazu, was die Fahrt mit Uber kosten würde und wie viel schneller ich damit wäre.

Uber habe ich natürlich längst, denn meine AirBnB-Gastgeber beschreiben den Weg zu ihner Unterkunft in aller Regel so: nimmt die Bahn vom Flughafen bis Station X, „and then uber to my place“ – dann ubere bis zu mir. Während wir Deutschen noch mit dem Konzept fremdeln, ist Uber in den USA bereits zum Verb geworden. Also ubere ich mit Helen zu Brendan, die nur wegen ihrer Tochter in Atlanta ist, weil diese studiert und sie sie nicht so allein lassen wollte. In Spokane ubere ich mit Lori, die eigentlich Anwältin ist und viel reist, aber gerade ihre Mutter pflegen muss, nicht weg kann und deshalb nun so das nötige Geld verdient. Mit wir immer klarer, dass Uber und Airbnb für viele Amerikaner eine Chance sind. Linda, meine chinesische Gastgeberin in Spokane mit ihren beiden süßen kleinen Kindern und ihrem Hausmann, der mir ein tolles chinesisches Frühstück serviert, kann sich nur dank AirBnB ihr Studium leisten. Und Jeremy, der mich später zum Flughafen ubert, hat seinen Job in einer Lackiererei aufgegeben, weil der ungesund gewesen sei – und weil er als Uber-Fahrer besser verdient. Ich treffe nur glückliche und motivierte Uber-Fahrer. Mag sein, dass es für viele das kleinere Übel ist – aber das Bild, das wir von den geknechteten Fahrern haben, bekommt zumindest Risse.

Nur Jacky jammert ein wenig – mit ihm ubere ich in San Francisco zu Superhost John: Die vielen Teilzeitfahrer machten den Markt kaputt. Teilzeit-Taxifahrer? Ich denke an Studenten, aber ich soll am Ende meiner Reise eines besseren belehrt werden. Doch zuerst genieße ich die Gastfreundschaft von John und seiner Frau Linda, die in San Francisco nicht nur ihr Wohnzimmer und ihre Küche zur Verfügung stellen, sondern auch Frühstück, Fahrpläne und Tipps für die Stadt. Googlemaps spürt wohl, dass hier ein wenig Höflichkeit angesagt ist. „Gute Nacht heißt auf Englisch Good night“, meldet es sich ungefragt zu Wort. Immer ein Tipp zur richtigen Zeit. Und falls ich mein Auto suche: „Sie haben hier geparkt“ – reingefallen, der Pfeil auf der Karte zeigt, wo ich mittags aus Jackys Auto ausgestiegen bin.

Am letzten Tag ubere ich im Silicon Valley von einer Virtual-Reality-Konferenz zum Flughafen San Francisco. Mesfin outet sich als Teilzeitfahrer. Was macht er mit der restlichen Zeit? „Zeit? Naja“, sagt er, das hat er eigentlich keine. Er arbeitet nebenbei Vollzeit am Flughafen als Caterer. Aber seit das Silicon Valley mit seinen Ubers, Googles & Co so viele Gutverdiener anlockt, könne man von einem normalen Vollzeit-Job nicht mehr leben.

Ich reise zurück aus den USA und liege nachts wach mit Jetlag. Ich schaue mir die Fotos meiner Reise an, Lindas Hausmann in seinen rosa Puschen vor dem himmelblauen Haus, der in sich ruhende David und Brendans Vater mit seiner Baseball-Mütze, breitbeinig und stolz vor dem Appartment seines Sohnes. Auf einmal erscheint das kleine Zeichen von Googlemaps oben am Display: die App hat eine Mitteilung für mich „Zuhause ist es 15 Uhr“, sagt Google, als wolle es mich trösten. Ja, so fühle ich mich auch. Hellwach. Aber wieso Zuhause? Google hält mich bereits nach einer starken Woche in den USA für eine Stuttgart-Touristin. Man mag das erleichternd finden, so weit ist es nicht her mit dem allwissenden Google. Aber als ich mein Bewegungsprofil anschaue, das Google als Service für mich erstellt hat, finde ich das doch eher beunruhigend. Google weiß, wo ich essen war, wo ich geschlafen habe, welche Strecken ich mit dem Auto gefahren bin, welche gelaufen, welche gejoggt.

Als ich die letzte Reise für meine aktuelle Recherche vorbereite – ich muss noch einen Protagonisten in Israel besuchen – fällt mir ein, wie mühsam dort beim letzten Mal die Fortbewegung war mit den unleserlichen Straßennamen und mit den Bussen und Straßenbahnen, die ihr Fahrtziel nur in hebräischen Buchstaben anzeigen. Ich würde gerne ähnlich mühelos und connected reisen wie in den USA – und finde „Gett“, ein Uber Äquivalent. Ich versuche aus den Bewertungen im App-Store zu erfahren, wie gut die Abdeckung in Jerusalem ist. Da taucht auf einmal das Foto eines Freundes aus Jerusalem auf: er schreibt „Funktioniert super in der TelAviv Gegend“. Die Bewertung ist von 2015, die App hat fünf Millionen Nutzer: wären die Bewertungen nur nach allgemeiner Relevanz sortiert, dürfte dieser Freund auf Seite 10.478 auftauchen – und nicht auf den ersten Plätzen. Offenbar weiß der App-Store um meine Freundschaften, woher auch immer.

Das ist Grund genug für mich, das Experiment zu beenden. So faszinierend das alles ist: ich finde nach wie vor, es geht nur mich etwas an, wo mein Lebensmittelpunkt ist, mein Lieblingscafé, mein Lover. Ich lösche Gett und Uber und Googlemaps und den Facebook-Messenger… – und stoppe bei Airbnb. Daran hängen zu schöne Erinnerungen. Ich verschiebe die endgültige Trennung auf später, eine Beziehungspause quasi.

Wie sehr diese Trennung schmerzt, fühle ich eine Woche später. Ich stehe nachts an einer Bushaltestelle in Jerusalem. Ich weiß, dass hier ein Bus fährt zu diesem Freund, den der App-Store aus unerfindlichen Gründen kennt. Aber der Bus kommt nicht. Die hebräischen Aushänge kann ich nicht entziffern. Ich würde gerne Googlemaps nach dem Fahrplan fragen. Aber ich habe mich von Googlemaps getrennt. Stattdessen frage ich acht Busfahrer, die alle kein Englisch können. Ich zücke reflexhaft mein Handy, um zu ubern – oder zumindest mal den Preis zu checken. Aber ich habe mich von Uber getrennt. Ich könnte im Facebook-Messenger nachschauen, ob der Freund noch wach ist und bescheid geben, dass ich später komme. Aber ich habe mich vom Messenger getrennt. Mein Experiment endet nachts allein und orientierungslos an einer Bushaltestelle in Jerusalem. Ich habe mich noch nie so unconnected gefühlt.

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