„Ich dachte, die Erde geht kaputt“

stern.de, 26.02.2008  –  online

Nach dem Erdbeben in Saarwellingen ist die Stimmung in der Region extrem aufgeheizt. Bergbaugegner fühlen sich bestätigt und machen gegen den Abbau von Steinkohle mobil, die Gewerkschaft fürchtet um zehntausende Arbeitsplätze. stern.de hat die Region besucht und Vertretern beider Seiten getroffen.

Pastor Karl-Heinz Gorges steht in Hausschuhen vor dem Pfarrhaus und schaut besorgt nach oben zum Kirchturm. Wird noch etwas herunterkommen? Um ihn herum liegen die Gesteinsbrocken, die seine Kirche in ganz Deutschland bekannt gemacht haben. Die Kirche St. Blasius in Saarwellingen ist zum Symbol geworden für das bisher stärkste Erdbeben, das durch den Steinkohleabbau hervorgerufen wurde. Karl-Heinz Gorges hat am Samstag in seinem Pfarrhaus gesessen und vom Wohnzimmer aus gesehen, wie es Steine regnete.

„Jeden Einzelnen von ihnen habe ich von oben purzeln sehen“, berichtet er der Runde, die gekommen ist, um den Schaden zu begutachten. Ein Architekt, ein Herr vom Denkmalamt, ein Steinmetz, ein Vertreter der RAG Deutsche Steinkohle und ein Gutachter vom Bistum Trier umringen den grauhaarigen Pastor und wollen alles ganz genau wissen. Was hat er in diesem Moment im Pfarrhaus gedacht? Der kleine bärtige Mann hält das sichtlich für eine dumme Frage. „Na, scheiße hab ich mir gedacht, was denn sonst?“

Nur zwei Stunden vor dem Beben hat der Pastor 40 Kommunionskinder verabschiedet, die an einem Kinderbibeltag teilgenommen hatten. „Die haben hier alle rund um die Kirche gespielt“, berichtet er, „nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn das eher passiert wäre.“

Nicht leicht hat es der Herr von Bergschaden-Abteilung der RAG in der Runde im Garten des Pfarrhauses. Während der Besichtigung der Kirche findet der Saarwellinger Architekt Herbert Kiefer deutliche Worte: „Sie müssen aufhören, dieses hübsche Land hier in Schutt und Asche zu legen“, schimpft er. Seit zwei Jahren betreut der Architekt die Restaurierung der Kirche, erst kürzlich hat er die Treppe instand setzen lassen. „Jeden einzelnen Stein haben wir extra rausgesucht.“ Jetzt hat die Treppe viele Löcher. Mit seinen 65 Metern ist der Turm einer der höchsten im Saarland, manche der Gesteinsbrocken stürzten aus dem First aus etwas 40 Metern Höhe.

Ein paar Meter weiter steht der zwölfjährige Danny mit seinen Freunden. Auch er will sehen, was aus der Kirche geworden ist. Er war nicht weit entfernt in der Innenstadt, als am Samstag die Häuser vibrierten: „Ich dachte, die Erde geht kaputt.“ Im Esszimmer seiner Eltern ist der Boden aufgerissen. „Meine Oma hat vor Angst geweint.“ Der gleichaltrige Elvir hat das Beben in einem Supermarkt erlebt: „Bier und Ölflaschen sind aus den Regalen gefallen, es war ein riesiges Chaos.“

Hundert Meter weiter prallen Welten aufeinander. Vor dem Rathaus der Kleinstadt warten zwei Mitglieder des SPD-Landesverbands. SPD-Geschäftsführer Joachim Jakob hat Bürgermeister Michael Philippi um ein Gespräch gebeten. Auch Bergbaugegner hat er eingeladen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Jakob ist sichtlich zerrissen: „Natürlich sind solche Zerstörungen nicht tolerierbar“, sagt er. Aber die andere Seite der Medaille müsse auch gesehen werden: „Es hängen einfach viele Arbeitsplätze dran.“ Etwa 12.000 Menschen wären von einer endgültigen Schließung des Werkes betroffen, rechnet er vor. Neben den 3600 Kumpel auch viele Arbeiter und Angestellte in Zuliefererbetrieben des Saarlands. Angesichts einer ohnehin hohen Arbeitslosenquote kein Pappenstiel.

Doch dafür haben Peter Lehnert und Manfred Reiter wenig Verständnis. Die Wortführer des „Landesverbandes der Bergbaubetroffenen“ kommen mit wehenden Mänteln um die Ecke des Rathauses gebogen. „Alle stehen hinter uns“, verkündet Peter Lehnert siegessicher, und ergänzt mit einem Blick auf Jakob: „Jetzt sogar die SPD.“ Sie sollten schon beim Bürgermeister sein, aber sie kommen nicht voran, ständig klingeln ihre Handys. Eine Zeitung fragt nach Fotos, ein Radiosender wünscht ein Statement – die Bergbaukritiker sind gefragt.

Endlich hört Deutschland ihnen zu, das genießen die beiden sichtlich. „Wir sind keine Bergbaugegner, sondern Betroffene“, schimpft Reiter in sein Handy, „aber kein Problem, wozu wollen Sie ein Statement?“ Seit Jahren protestiert der Berufsschulleiter aus Hermeskeil gegen den Bergbau und prangert an, dass in Primsmulde bei Saarwellingen minderwertige Kohle abgebaut werde, um möglichst hohe Subventionen einzustreichen. „Was hier passiert, ist ein Wirtschaftskrimi.“ Schließlich gehe alles auf Kosten der lokalen Bevölkerung, deren Häuser Risse haben und an Wert verlieren.

Beispielsweise das von Siegfried Hillenhagen. Er hat in den 70er Jahren gebaut, damals waren Schäden durch den Bergbau nicht absehbar. Seit einigen Jahren mehren sich die Risse in der Hauswand. „Ich finde kaum noch Mieter“, sagt der grauhaarige Mann mit den Sorgenfalten auf der Stirn. Seit Samstag sind die Risse noch größer geworden. Er wolle nun Mitglied bei den Bergbaubetroffenen werden. „Gerade gar keine Zeit“, sagt Reiter geschäftig, „aber hier“, er deutet auf einen Radioreporter, „erzählen Sie unbedingt der Presse von ihrem Verlust.“

Wenige Kilometer weiter ist die Stimmung ruhiger, beinahe unheimlich ruhig. Im Nordschacht, dem Förderturm von Primsmulde, wo jetzt normalerweise hunderte Kumpel zur Spätschicht antreten würden, sitzt Michael Fritz mit einigen wenigen Kollegen im Betriebsratsbüro. Der Schlosser ist seit heute beurlaubt. „Aber Zuhause ist mir die Decke auf den Kopf gefallen“, sagt der 39-jährige Vater. Vor einigen Jahren hat er ein Haus in Saarwellingen gekauft, vor einem Monat hat seine Frau Zwillinge geboren, vor zwei Tagen hat er seine vermutlich letzte Schicht gearbeitet: „Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll.“

Er war zum Zeitpunkt des Erdbebens unter Tage, dort sei nichts davon zu spüren gewesen. Kollegen aus der folgenden Schicht haben ihn über die Zerstörungen aufgeklärt. „Da war mir klar, dass das der Todesstoß für das Bergwerk sein wird“, sagt er leise. Seit Monaten hat er den immer schärfer werdenden Streit um den Bergbau verfolgt, hat Sprüche wie „Nur ein toter Bergmann ist ein guter Bergmann“ gehört und mit Nachbarn diskutiert, die ihm vorwurfsvoll die Schäden an ihren Häusern zeigten. Auch sein eigenes Haus hat Risse. „Ich verstehe ja, dass die Leute für ihre Rechte auf die Straße gehen“, sagt Michael Fritz. Dass ihm auf dem Parkplatz vor dem Werk die Reifen abgestochen werden, das versteht er hingegen nicht. Das macht ihm Angst.

von Eva Wolfangel

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