„Ich habe im Kopf berechnet, wie lange wir noch überleben“

Leseprobe aus Der SPIEGEL 17/2017 – Link

Im Sternenstädtchen bei Moskau werden aus Kampfpiloten und Wissenschaftlern Astronauten und Kosmonauten. Und sie werden zu Helden. Auch wenn sie sich zunehmend dagegen wehren – das diktiert der Ort und die Tradition. Ein Besuch bei Alexander Gerst und seinen russischen Kollegen.

Kurz vor der rettenden Station versagt die Automatik. Die Internationale Raumstation ISS ist nur noch einen Sprint entfernt. Auf der Erde würde Alexander Gerst die Strecke in wenigen Sekunden zurücklegen. Aber hier in der Sojus trennen ihn nur wenige Kubikmeter Luft und eine dünne Schicht aus Aluminium von der lebensfeindlichen Umgebung des Weltalls. Jetzt darf nichts schiefgehen. Bis hierhin ist der Flug von der Erde zur Raumstation ohne Probleme verlaufen, aber jetzt, auf den letzten schwierigsten Metern lässt die Automatik Gerst und seinen russischen Kollegen Anton Schkaplerow im Stich. Die beiden Raumfahrer schalten auf eine andere Automatik um: die in ihrem Kopf. Unzählige Male haben sie diese Situation geübt, damit sie in einem Fall wie diesem wie Roboter handeln. Sie steuern das Raumschiff von Hand. Gerst schaut durch ein Fernglas und richtet das Lasermessgerät auf einen festen Punkt an der Raumstation. „200 Meter“, sagt er. Schkaplerow sagt: „Und jetzt?“, „200 Meter“ „Jetzt?“ „200 Meter“. So geht das lange drei Minuten. Schkaplerow steuert das Raumschiff, Gerst misst. Nichts bewegt sich. Dann: „195 Meter“. 190. 190. 190. „Wiederhole alle 20 Sekunden“, befiehlt Schkaplerow. Gerst tut das. Minutenlang. 180, 180. 180. 175. Der Kosmonaut fliegt bewusst langsam. In dieser Nähe ist die Gefahr groß, die Station zu rammen. Mit lebensgefährlichen Folgen sowohl für die Raumfahrer in der Kapsel als auch für die Crew an Bord der ISS.

175.

174.

170.

Dann eine Stimme aus dem Off. „Okay, nächstes Szenario.“ Die „Sojus“-Kapsel fliegt nicht im Weltraum, sie steht in einer großen Halle bei Moskau. Daneben drei Tische mit Monitoren, davor die Männer, die sich den Notfall ausgedacht haben: Trainer der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos. Der Notfall hat sich echt angefühlt. Aber er ist nur simuliert. Wir sind nicht im Weltraum, wir sind in Star City.

Hier im Sternenstädtchen nehmen derzeit alle westlichen bemannten Missionen ins All ihren Anfang. Und im Gegensatz zur nur sechsstündigen Reise von der Erde auf die Internationale Raumstation ISS dauert diese Vorbereitung hier Jahre. In dieser Zeit verändern sich die Menschen. Aus Piloten, Militärpiloten und Wissenschaftlern werden Astronauten und Kosmonauten. Und sie werden zu Helden — noch bevor sie gestartet sind. Zumindest in den Augen ihres Umfelds. Hier sprechen alle nur von „Helden“ — schließlich setzen sie sich einer großen Gefahr aus, so die Argumentation. Diese Gefahr ist hier allgegenwärtig. Jeder Notfall, der im Weltraum geschehen könnte, jede Eventualität wird hier durchgespielt. Unzählige Male.

Dieses ganze Üben! „Manche Astronauten nennen das hier Spacecamp“, sagt Alexander Gerst und grinst. Er lehnt an einer Wand mit unzähligen Schaltern und Knöpfen im russischen Modul der ISS. Genau genommen in dessen Zwilling in Star City. Die Modelle seien so original wie möglich nachgebaut, damit sich die Raumfahrer wie zu Hause fühlen, wenn es dann wirklich losgeht. „Man vergisst manchmal, dass man bald eine echte Rakete mit 300 Tonnen Treibstoff unter sich haben wird.“ Dann wird auf einmal aus diesem Spiel Ernst. Diese Rakete kann gefährlich sein. Nicht nur, wenn die Automatik ausfällt. Beim Start geschehen die meisten Unfälle — und auf dem Heimweg zur Erde: beim Wiedereintritt in die Atmosphäre.

Hat er keine Angst? Alexander Gerst schaut, als könne er diese Frage nicht mehr hören. „Viele fragen mich das, aber nein, bei meinem letzten Flug hatte ich zwar großen Respekt, aber keine Angst .“ Gut, vielleicht wenn er unvorbereitet wäre. Er hat für Angst eine sehr rationale Erklärung: Sie entstehe, wenn man auf eine Situation nicht vorbereitet sei und die Kontrolle darüber verliere. „Wir spielen die schlimmsten Fälle zig bis Hunderte Male durch, um die Wahrscheinlichkeit eines Kontrollverlusts zu minimieren.“

Dafür verbringt er viel Zeit in dieser abgeriegelten kleinen Stadt bei Moskau, die es seit den Sechzigerjahren Jahren gibt, als hier die ersten Kosmonauten trainierten. Wer hier jenseits der offiziellen Touristenführungen hineinmöchte, braucht starke Fürsprecher, eine offizielle Einladung von Roskosmos oder Verwandte vor Ort. Früher war hier militärisches Sperrgebiet, und bis heute ist das Städtchen mit seinen 6000 Einwohnern für die Öffentlichkeit geschlossen. Die Bewohner sind großteils ehemalige und aktive Kosmonauten mit ihren Familien und Verwandten sowie Mitarbeiter des Trainingszentrums.

Allein unter Helden

Den Gebäuden sieht man an, dass sie in die Jahre gekommen sind. Anfang der Sechzigerjahren Jahre wurde das Sternenstädtchen erbaut, Juri Gagarin war nicht nur der erste Mensch im Weltall, er war auch einer der ersten Bewohner der geheimen Stadt und der erste Kosmonaut, der in dem heute nach ihm benannten Trainingszentrum innerhalb der Stadt ausgebildet wurde. Und bis heute ist er der Held dieses Städtchens. Seine Statue ragt in den grauen Himmel, weit über die Köpfe der Menschen, die heute den gleichen Weg gehen wie er einst. In diese Richtung scheint auch seine Statue zu schreiten: von den Wohnblöcken ins Astronautentrainingszentrum. „Es ist, als wäre er noch heute unter uns“, sagt eine Passantin wehmütig. Der Stein-Gagarin geht sehr aufrecht, den linken Arm hinter dem Körper versteckt, in der Hand eine Blume. Die Legende sagt, die Blume sei für seine Frau, die bis heute in der einst gemeinsamen Wohnung wohnt und den Rücken ihres übergroßen Mannes beim Blick aus dem Fenster täglich sehen kann.

In jedem Gebäude begrüßt eine Gagarin-Statue, ein Porträt oder ein Mosaik die Besucher. Der Held schwebt über allem. Auch über Alexander Gerst, der jetzt auf dem Weg vom „Sojus“-Training zum Russischunterricht an Gagarins Flugzeug vor dem Trainingsgebäude vorbeihetzt und schwärmt: „Man kann hier den Geist der russischen Raumfahrt fühlen.“ Diese ganzen Statuen aber auch die alten Trainingsmodule der „Mir“ und des Raumgleiters „Buran“ inspirieren ihn, er schwärmt von der faszinierenden Trainingskulisse. Aber das Leben in Star City hat auch seine anstrengenden Seiten: Jeder Astronaut muss Russisch lernen, das sei mühsam, gibt Gerst zu.

Kurz darauf fläzt er sich wie ein müder Schüler im Stuhl, statt eines Heftes sein iPad vor sich, die Russischlehrerin steht ihm gegenüber mit einem Zeigestock vor einer Leinwand, sehr aufrecht mit leicht strengem Blick. Sie prüft sein Wissen über das neue automatische Andocksystem der „Sojus“, mit der Gerst 2018 ins All fliegen wird. Sie diskutieren über die richtigen Begriffe für Sauerstoffkartuschen und Steuerbefehle, und vor allem über die richtigen grammatikalischen Fälle, von denen es im Russischen sechs gibt anstatt vier wie im Deutschen. Die Sprache ist schwer, und Gerst muss auch hier für alle Eventualitäten die richtigen Worte finden, alle Notfälle im Schlaf durchdeklinieren können. Amtssprache in der „Sojus“-Kapsel ist schließlich Russisch, da gibt es keine Ausnahme.

Jahrelang geht das so. Jede Woche Russischunterricht, mindestens jeden zweiten Tag Sport, dreimal in der Woche Simulationstraining in der „Sojus“-Kapsel, Übungen in den verschiedenen ISS-Modulen. Vier Jahre dauert die Vorbereitung auf einen Weltraumflug. „Ich trainiere allein ein Jahr für die sechs Stunden im Raumschiff“, sagt Gerst. Dazu kommt Notfalltraining aller Art für Zwischenfälle auf der Raumstation selbst – von der Zahnoperation bis zum Umgang mit Feuer, Druckabfall oder dem Ausfall der Lebenserhaltungssysteme. Gerst pendelt zwischen Moskau, Houston und Köln, längst hat er einen Basissatz an Kleidung verdreifacht und ist überall und nirgendwo zu Hause. „Ich habe überall Freunde“, sagt er. Die Astronautenszene ist klein. Abends trifft er sich mit amerikanischen Kollegen auf ein Bier oder sitzt mit den russischen Veteranen in der Sauna. Bis heute leben einige Kosmonauten der ersten Generation im Sternenstädtchen.

Bevor es vor dem Start nach Baikonur in die Quarantäne geht, gibt es ein traditionelles Abschiedsfrühstück im Sternenstädtchen. Alexej Leonow, einer von Gagarins einstigen Gefährten, hat sich den jungen Raumfahrer vor dessen ersten Flug im Mai 2014 zur Brust genommen und gesagt, worauf es ankommt und wie er sich verhalten soll, falls ihm während des Starts übel wird. Gerst kennt die Geschichten nur zu gut, wie Leonow beim ersten Außenbordeinsatz der Menschheitsgeschichte 1965 beinahe nicht wieder zurück in sein Raumschiff gekommen wäre, weil sich sein Raumanzug im All aufgebläht hatte. Nur dank einer Idee, die allen Regeln widersprach, konnte dieser damals sein Leben retten: Er verringerte den Druck in seinem Raumanzug und brachte sich damit ebenfalls in Lebensgefahr. Das, zum Glück, hat er nicht so genau ausgeführt bei diesem Frühstück, die Sache mit der Übelkeit hat schon gereicht, um Gerst ein wenig nervös zu machen.

Am Ende seiner Zeit in Star City weiß Gerst jedenfalls genau, was passieren kann und was er tut. Er kennt jeden dieser unzähligen Knöpfe und Schalter des „Sojus“-Raumschiffs. Er kennt große Teile des Handbuchs auswendig, das so dick ist wie die Bibel in der Kirche und doppelt so groß und das die Crew dennoch jedes Mal gewissenhaft Seite für Seite durcharbeitet, bei jedem Training und beim echten Flug. Jeder einzelne Handgriff ist darin beschrieben. Wenn alles glattläuft, muss die Crew dieses System hauptsächlich überwachen. Das ist das Schwierigste, gibt Gerst zu, diese enorme Konzentration, permanent der Bodenstation zu berichten und dennoch sofort zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. „Wir haben nur wenige Sekunden, um das zu bemerken und zu reagieren.“

Ein Problem mit der Trägerrakete, ein Loch im Treibstofftank, ein Leck in der Sauerstoffversorgung: Für die meisten denkbaren Fehler gibt es einen Alternativplan, eine kleine Änderung der Routine. „Schwierig wird es, wenn mehrere Fehler gleichzeitig auftreten“, erklärt Gerst. Diese Situation kennt er nur zu gut aus dem Training. Dann muss er im Hinterkopf behalten, an welchem Punkt er von Routine A auf Routine B umgestiegen ist, und wie sich das noch zwei Stunden später auswirkt, wenn ein Teil der Reise in Routine C stattfand und die Crew am Ende wieder auf Routine A umschwenkt – die dann aber aufgrund der zuvor gewechselten Routine schon ihre Lücken hat. Und dann gibt es da noch diese Knöpfe, die er auf keinen Fall zum falschen Zeitpunkt drücken darf. Beispielsweise jener, der die Raumkapsel von der Rakete löst. „Du kannst mit einem Knopf eine Katastrophe auslösen“, sagt er, „im Raumschiff kannst du viele Fehler machen, wenn du überlastet bist.“

Angst ausschalten, Kopf einschalten

Diese Angst vor dem falschen Knopf kennt auch Alexander Lasutkin. Er ist 1997 zur russischen Raumstation Mir geflogen. Der heute 59-jährige Maschinenbauingenieur war insgesamt nur ein halbes Jahr seines Lebens im All, und das ist 20 Jahre her. Dennoch ist es das, was sein Leben definiert. Er wird für immer ein ehemaliger Kosmonaut bleiben und ein „Held der Russischen Föderation“. Auch wenn er sich wenig heldenhaft fühlt, heute nicht und schon gar nicht zu Beginn seiner Mission, wie er unverblümt zugibt: „Ich hatte schon Angst, als ich in der Station angekommen war. Ich hatte Angst, den falschen Knopf zu drücken, Angst, etwas kaputt zu machen.“

Und dann geschah einer der schlimmsten denkbaren Unfälle im Weltraum, in einer geschlossenen Kapsel, in der kein Luftaustausch möglich ist: Die „Mir“ brannte, schon wenige Tage nach Lasutkins Ankunft.(…)

Das ist nur eine Leseprobe meiner Reportage aus Starcity, die in der digitalen Ausgabe des aktuellen SPIEGEL erschienen ist. Wer weiter lesen will oder wer die komplette „Visual Story“ mit Videos und Interviews sehen will, kann das hier tun.

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