Jahrestags-Journalismus

An fast jedem Tag im Jahr gibt es einen Jahrestag. Einer davon ist nicht von der Werbebranche erfunden worden.

Journalisten lieben Jahrestage. Das zumindest denken die Leser. Wieso sonst sollten sie den „Tag der Zahnseide“ zum Aufmacher auf der Lokalseite der Tageszeitung machen und den „Tag des Butterbrotes“ als Anlass für einen Artikel über gesunde Ernährung auf der Verbraucherseite nutzen?

Als hätten sie auf nichts anderes gewartet, nutzen Zeitungen scheinbar jeden dahergelaufenen Jahrestag als Grundlage für einen Artikel. Denn, so das Mantra des Journalismus: Kein Artikel ohne aktuellen Anlass. Zum Glück gibt es fast jeden Tag im Jahr einen Welt-Aktionstag. Sei es der Weltnudeltag, der Welttag der Feuchtgebiete, der Weltradiotag, der Tag der Logopädie, der Weltschildkrötentag, der Tag der Händehygiene, der Weltmilchtag, der Tag des öffentlichen Dienstes, der Tag des Kusses, der Weltraumforschungstag oder der Tag des Kaffees: Fast jede Branche hat einen Tag abbekommen. Es gibt sogar den Welttoilettentag.

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In Wirklichkeit sind es aber nicht die Journalisten, die Jahrestage lieben.

Dazu eine Begebenheit aus meiner Volontärszeit. Mich bat damals mein Chefredakteur im Auftrag der Anzeigenabteilung, einen Artikel zum „Tag der Küche“ zu schreiben. „Irgendwas über Küche. Hauptsache, wir haben das Thema im Blatt.“ Meine Recherche zur Frage, wieso jede Party immer in der Küche endet, erlangte eine gewisse Berühmtheit (hier der Originaltext als pdf). Ist ja auch ein schönes Stück nutzloses Wissen, mit dem man auf den erwähnten Küchenpartys unangenehme Gesprächspausen überbrücken kann. Noch Jahre später sprach mich der Geschäftsführer meines damaligen Verlages schulterklopfend auf diese Geschichte an. Lob aus der richtigen Ecke? Vielleicht lag es auch nur an den vielen Anzeigen der Küchenstudios und Möbelhäuser aus der Region, die den „Tag der Küche“ für die Zeitung lukrativ werden ließen.

Weniger Erfolg hatte meine Reportage über einen kleinen persischen Teppichhändler am „Tag des Fußbodenbelags“. Die wurde kurzerhand vor dem Andruck aus dem Blatt gekickt, als ein großes Teppichhaus davon Wind bekam und drohte, nie wieder eine Anzeige zu schalten. Der kleine persische Teppichhändler meldete übrigens bald drauf Konkurs an. Vielleicht hätte er sich frühzeitig an einen findigen PR-Berater wenden und einen „Tag des persönlich importierten persischen Teppichs“ ins Leben rufen sollen.

Wie wärs mit einem „Tag des Betreuungsgeldes“? Oder ein „Weltfaxgerät-Tag“?
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Liebe PR-Berater und Werbeagenturen: Es gibt noch einige wenige freie Tage. Darunter der 1. April, den aus irgendeinem Grund niemand haben will. Lasst uns doch mal brainstormen: Wer hat zur Zeit etwas PR nötig? Wie wärs mit einem „Tag des Betreuungsgeldes“? Oder ein „Weltfaxgerät-Tag“? Vielleicht könnte man auch den „Weltfernmeldetag“ wieder ins Leben rufen, der einst am 17. Mai gefeiert wurde und irgendwie ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

Vielleicht aber sollten wir Journalisten und unsere Verleger ein bisschen mutiger sein und Themen setzen, die überhaupt keinen aktuellen Anlass haben. Womöglich sind die sogar interessanter.

Achja und dann gibt es noch einen Jahrestag, der über jeden Verdacht erhaben ist, von der Werbebranche ins Leben gerufen worden zu sein. Auch wenn ihn die Süßigkeiten-Industrie nicht besser hätte erfinden können.

Frohe Weihnachten!

von Eva Wolfangel

 

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3 Gedanken zu „Jahrestags-Journalismus

  1. Sehr lustiger Text. Den „Tag der Zahnseide“ hab ich mir jedenfalls im Kalender dick angestrichen. Da steigt eine riesige Party. Mit Elmex, Oral B und den besten Zahnspülungen der 70er, 80er und 90er.
    Deinen Artikel zum „Tag der Küche“ hättest du aber eigentlich verlinken können, nachdem du ihn so schmackhaft gemacht hast.

  2. Den Artikel gibts leider nicht online. Aber ich habe aufgrund der vielen Nachfragen die Feiertage genutzt und mich durch mein Archiv gewühlt – und tatsächlich einen Ausdruck des damaligen Artikels zum „Tag der Küche“ vom September 2005 gefunden. Ich habe ihn eingescannt und als Pdf im Text verlinkt.
    Wer also wissen will, wieso Partys immer in der Küche enden, kann das hier nachlesen.
    Viel Spaß beim Lesen!
    http://www.ewo.name/wp-content/uploads/050909_ez_tag-der-kueche.pdf

  3. Hehe, habs auch endlich geschafft, den QR-Code zu knacken.
    Das physische Gutsle war schon ein bisschen trocken, aber das virtuelle hat das doppelt und dreifach wieder weg gemacht! 🙂
    Ich wäre übrigens für den „Tag des Jahrestages“!

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