„Kriegsführer ins Weltall!“

Langfassung meines Interviews mit der Weltraumtouristin Anousheh Ansari, das am 6. Julli 2013 in der Stuttgarter Zeitung erschienen ist – pdf

Sie kommt in Highheels zum Interview und verschwindet trotzdem fast zwischen all den großen Männern, die sie umgeben: Anousheh Ansari ist die erste Weltraum-Touristin und hat viele Fans. Trotz ihrer Popularität ist sie am Boden geblieben und plaudert auch gerne mal aus dem Nähkästchen. Seit ihrem Raumflug auf die ISS hat sie eine Mission: Wenn alle Menschen einmal einen Blick von außen auf unsere Erde werfen würden, dann wäre die Welt eine Bessere. Im Interview spricht sie über Außerirdische, Gott, den Sinn der bemannten Raumfahrt und die Frauenquote.

Sie waren 2006 als erste Weltraumtouristin auf der Internationalen Raumstation ISS. Das hat Sie 16 Millionen Euro gekostet. Wieso war Ihnen das so wichtig?

Ich träume davon, seit ich ein kleines Mädchen bin. Ich wollte immer zu den Sternen und sehen, was da draußen ist. Insgeheim hatte ich als Kind sogar gehofft, dass mich eines Tages eine andere Lebensform abholen würde. Das hat nicht geklappt, deshalb habe ich mir den Traum erfüllt, als ich es konnte.

Glauben Sie heute noch an außerirdisches Leben?

Ja, ich denke schon, dass es da draußen andere Lebensformen gibt. Ich weiß natürlich nicht, wie sie aussehen und ob sie mit uns Menschen vergleichbar sind.

Sie haben neun Tage auf der Raumstation verbracht. Wie war ihr Verhältnis zu den Astronauten? Wurden Sie als eine von ihnen behandelt?

Ja, unser Verhältnis war offen und freundschaftlich. Natürlich liebt man nicht jedes Crew-Mitglied, aber die Stimmung ist sehr gut dort. Und letztlich hängt man ja auch voneinander ab: Man kann schließlich nicht einfach die Tür öffnen und jemanden raus schmeißen. Ich war überrascht, wie gut die Astronauten so lange auf so engem Raum zusammen leben und arbeiten können.

Der Begriff „Weltraumtourist“ ist negativ belegt, auch Sie lehnen ihn ab. Eine Astronautin sind Sie aber auch nicht. Wie definieren Sie Ihre Rolle?

Ich sehe mich als Weltraum-Botschafterin. Ich will meine Erfahrungen und meine Inspiration weitergeben. Raumflüge sind ja nicht nur ein teures Hobby, bei dem es darum geht, möglichst viel Spaß zu haben.

Wobei die bemannte Raumfahrt schon ein teures Unterfangen ist – wie man an Ihrem Flug sieht. Wieso werben Sie dafür? Was hat die Menschheit davon?

Die Astronauten bringen aus dem All Wissen für das Leben auf der Erde mit. Dazu kommt, dass wir nicht wissen, wie sich unser Lebensraum verändert. Wir beuten unseren Planeten aus, die Folgen sind nicht absehbar. Vielleicht müssen wir, um als Spezies zu überleben, eines Tages auf einen anderen Planeten übersiedeln. Deshalb sollten wir jetzt erforschen, wo Leben möglich ist.

Immer wieder berichten Astronauten davon, wie sehr der Blick von außen ihre Sicht auf die Welt verändert hat. Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht?

Absolut. Wenn man die Erde vom All aus betrachtet, fällt einem auf, wie klein und ungeschützt sie ist. Da ist diese winzige, dünne blaue Schicht: unsere Atmosphäre, die das Leben auf der Erde erst möglich macht. Und ein weiterer Fakt wird deutlich: Da ist nichts sonst wie die Erde, es gibt sie nur ein einziges Mal. Es liegt auf der Hand: Wir müssen sie schützen.

Wäre die Welt eine bessere, wenn jeder Mensch einmal diesen Blick von außen auf sie hätte?

Ja, da bin ich mir sicher. Wahrscheinlich würde es fürs erste genügen, wenn wir alle Kriegsführer dieser Welt ins All schicken würden, damit sie unseren Planeten von oben betrachten: Denn von dort sieht man keine Grenzen. Es erscheint absurd, Grenzen künstlich zu ziehen und sie zu verteidigen. Auf einen Blick wird klar: Die Erde ist für alle da. Wer das gesehen hat, will keinen Krieg mehr führen.

Glauben Sie eigentlich an Gott?

Ich glaube nicht an organisierte Religion, aber ich bin mir sicher, dass es etwas gibt, das uns alle verbindet, eine Energie, von der wir alle kommen.

Hat der Blick von außen Ihren Glauben verändert?

Mein Raumflug hat meinen Glauben gestärkt. Was ich von dort gesehen habe, war absolut bewundernswert. Ich glaube einfach nicht, dass es ein Zufall ist, dass wir Menschen existieren.

Sie haben sich jetzt eine Woche lang mit ihren Kollegen der Association of Spaceexplorers, einer Vereinigung von mehr als 80 Astronauten aus aller Welt, in Deutschland ausgetauscht. Auf den Bildern sieht das aus wie ein Treffen alter Herren. Ist die Raumfahrt offen für neue Rollenbilder?

Ja, ich denke schon. Da wird sich in den kommenden Jahren vieles verändern. In der jüngsten Astronauten-Auswahl der NASA sind beispielsweise vier der acht Anwärter Frauen – das sind 50 Prozent! Und auch das wachsende Engagement privater Investoren wird in der Raumfahrt vieles auf den Kopf stellen.

Sind denn die zunehmenden kommerziellen Raumfahrt-Projekte ausschließlich positiv zu sehen?

Auf jeden Fall. Es wird Zeit, dass die Raumfahrt nicht länger hauptsächlich von Staaten betrieben wird. Wettbewerb belebt das Geschäft, das sieht man ja auch an anderen ehemaligen Monopolen wie der Telekommunikation.

Noch sind Sie aber eine Ausnahme – sowohl als private Investorin als auch als Frau im All. Sehen Sie sich als Vorbild?

Ja, ich habe eine Botschaft an alle Frauen und Mädchen dieser Welt: Kämpft für eure Träume, es lohnt sich! Und auch als Ingenieurin will ich der Welt vermitteln, dass es allen nutzt, wenn mehr Frauen im technischen Bereich, in den Naturwissenschaften aktiv werden

Wieso?

Frauen lösen Probleme anders als Männer. Sie sind sehr kollaborativ. Leider trauen sich immer noch zu wenige in technische Berufe. Das liegt auch an den Medien: Diese Berufe werden falsch dargestellt. Ich möchte zeigen: Wer mit Computern arbeitet, muss kein Nerd sein. Schauen Sie mich an: Ich habe Freunde, ein interessantes Leben und bin absolut sozial.

Haben Sie auch eine Botschaft an Männer?

Lasst eure Frauen machen, was Sie wollen! Unterstützt sie und vertraut ihnen. Ich habe Glück: Mein Mann steht voll hinter mir und meinen Projekten. Er ermutigt mich. Jede Frau hat das verdient.

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Zur Person Anousheh Ansari

Anousheh Ansari ist Millionärin und die erste Weltraumtouristin. Sie stammt aus dem Iran, lebt aber seit 1982 in den USA, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann und dessen Bruder die erfolgreiche Internet-Firma Prodea Systems gründete. Seit 2004 finanziert Ansari den Ansari-X-Prize mit 10 Millionen Dollar: Private Investoren können sich darum bewerben, wenn sie ein bemanntes Raumfahrzeug entwickeln, das zwei Mal mindestens eine Höhe von 100 Kilometern erreicht.

Trotz ihrer Popularität ist Ansari am Boden geblieben. Sie plaudert am Rande der Stuttgarter DLR-Veranstaltung ein bisschen aus dem Nähkästchen: sie liebe Startrek-Filme, manche Folgen hat sie fünf Mal angeschaut. An der Schwerelosigkeit gefalle ihr, dass man größer wird: „Ich musste auf der ISS keine Highheels mehr tragen“. Astronauten wachsen tatsächlich um einige Zentimeter, wenn die Schwerkraft den Körper nicht mehr staucht. Dieser Effekt hält allerdings nicht an, wenn sie auf die Erde zurückkehren.

In der Tat hat man trotz der Highheels, die sie in Stuttgart trägt, den Eindruck, die zierliche Frau könnte zwischen all den großen Männern – Astronauten, Wissenschaftlern, Studenten – verloren gehen. Aber ihre Fans finden sie. Das Interview wird immer wieder unterbrochen für Autogramme und Gespräche. Viele junge Frauen sprechen Ansari an, manche auch in ihrer Muttersprache persisch – was sie sichtlich freut. Man nimmt ihr ihre Mission, insbesondere Frauen und Mädchen für Technik begeistern zu wollen, absolut ab.

Interview: Eva Wolfangel

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