Die mobile Reportage der Zukunft

Hintergrund zu meinem Masterclass-Projekt und Fragen an Euch

Als Stipendiatin der Masterclass Wissenschaftsjournalismus (gefördert von der Bosch Stiftung und vom Reporterforum) habe ich zwischen Juni 2016 und April 2017 an neuen mobilen Reportageformen gearbeitet. Ein Ergebnis ist meine Reportage über Alexander Gerst und das russische Sternenstädtchen – eine geheime und geschlossene Stadt, in der er sich derzeit meistens aufhält, um sich für seinen Raumflug 2018 vorzubereiten. Die Reportage ist jetzt im digitalen SPIEGEL erschienen, und zwar in zweierlei Form: einmal als so genannte Visual Story (hier ein  kostenpflichtiger Link), was früher altmodisch Multimedia-Geschichte hieß, und einmal als so genannte „Lese-Version“ (kostenloser Zugang). Mir geht es also bei der Geschichte nicht nur um den Inhalt, sondern auch um die Form. Und hier wünsche ich mir euer Feedback: Wie gefallen euch die beiden verschiedenen Formen? Ist mein Konzept aufgegangen? Was wünscht ihr euch für die mobile Reportage der Zukunft?

Dafür hier einige Hintergrundinfos dazu, was ich mir gedacht habe und warum mich das Thema Reportage auf Mobilgeräten so bewegt: Meine Leidenschaft sind Reportagen, und Ihnen droht aus meiner Sicht im digitalen Zeitalter Gefahr. Nicht weil lange Texte online nicht gewünscht sind, wie irrigerweise immer wieder behauptet wird: immer wieder zeigen Studien, dass Leser auch online und auf mobilen Geräten lange Texte goutieren. Sondern weil Reportagen falsch aufbereitet werden, was sie insbesondere auf dem Smartphone oft unlesbar macht. Entweder als langer, unübersichtlicher Scrolltext oder mit zu vielen, sich inhaltlich wiederholenden Multimedia-Elementen, die den Leser aus dem Text ziehen und die Bilder im Kopf unmöglich werden lassen.

Die klassische Reportage braucht aber diese Bilder im Kopf, sie machen eine eigene Qualität aus. Ist sie also verloren? Nein! Man kann gegen diese Kinderkrankheiten digitalen Erzählens angehen und das Reportagelesen auf dem Smartphone genussvoll werden lassen – wenn man einiges ändert: Meine mobil zu genießende Reportage nimmt die begrenzten Möglichkeiten des Smartphone-Bildschirms ernst und nutzt diese. Mein Hauptansatzpunkt: es ist möglich, eine Reportage zu lesen, ohne dass die Technik den Leser herausreißt – sei es durch lange Ladezeiten von weiteren Seiten oder durch unerwünschtes Starten multimedialer Inhalte. Leser sollen frei wählen können, ob sie die Reportage ungestört und an einem Stück lesen wollen oder ob sie multimediale Zusatzinhalte nutzen wollen. Deshalb gibt es die zwei Varianten: die Lese-Variante ohne Bilder und Videos und die Visual Story mit tollen Multimedia-Inhalten von Simon Sticker, der mich nach Starcity begleitet hat.

Leser, die lange Texte bereits gewohnt sind und sich ganz auf die Bilder im Kopf verlassen wollen, können am Stück und von Anfang bis Ende lesen und die Komposition der Reportage genießen und beispielsweise am Ende Multimedia-Inhalte nutzen, die weitere Aspekte ergänzen. Sie nutzen vorallem die Hilfen zur Orientierung – ein zweiter großer Punkt, der beim mobilen Lesen noch nicht gelöst ist. Meiner Meinung nach braucht es einen grafischen Überblick zur Frage: wo bin ich im Text? Dieser sollte klassische Lesegewohnheiten unterstützen, indem er eine räumliche Orientierung ermöglicht analog zu diesem Beispiel: „Wie war nochmal der Hintergrund dieses Forschers? Das stand doch oben links.“ Oder: Wie weit bin ich schon? Wie viel kommt noch? Leser beklagen sich in Studien zum mobilen Lesen immer wieder, dass ihnen die Orientierung fehlt. Bisherige Lösungen wie Lesezeitanzeigen funktionieren nicht: selbst jene, die am Rand mitlaufen und die Minuten herunterzählen, sind wenig exakt (aktuelles Beispiel: man sieht das Ende des Textes auf dem kleinen Handy-Bildschirm – und die Anzeige sagt: „noch zwei Minuten“). Zudem ist die Angabe einer Zeit für viele Leser zu abstrakt. Wer weiß schon, wie viele Minuten er an einem Text gelesen hat, wenn er die Zeit nicht gestoppt bzw auf eine Uhr geschaut hat? Der altbekannte Balken rechts neben dem Text ist auch wenig praktikabel: er läuft häufig bis über Anzeigen und Kommentare und hilft von daher nicht weiter, wenn man wissen will, wie viel noch zu lesen ist.

Das wird in meinem Projekt über eine Seite erreicht, die vom Text aus jederzeit erreichbar ist –  eine so genannte off-canvas-Navigation, die sich über die Reportage legt, diese aber nicht ganz verdeckt und keinesfalls Wartezeiten durch neues Laden verursacht: Hier zeigt das System grafisch an, wo sich der Leser gerade befindet. Hier sind außerdem die Kapitel der Reportage kurz charakterisiert, und jenes, in dem der Leser gerade liest, farbig hinterlegt. Das haben wir nur in der Leseversion umgesetzt, da das Format Visual Story vom Spiegel so etwas nicht vorsieht. Was ich noch nicht ganz glücklich gelöst finde: eine gute grafische Umsetzung für die räumliche Orientierung. Mit dem Editorial Developer des Spiegel TechLab Tobias Hellwig – ein super Entwickler mit großer Erfahrung! – konnte ich mich auf keine der Lösungen einigen, die mir vorschwebten. Zwischenzeitlich hatten wir einen wachsenden Balken ausprobiert, der anzeigt, wie viel der Geschichte schon gelesen ist. Mir hat der recht gut gefallen, doch Tobias fand ihn verwirrend, was auch seine kurze empirische Studie innerhalb der Abteilung ergeben habe. So fiel der wieder raus. Nun beschränkt sich die grafische Orientierung auf die eingefärbten Kapitel und die Möglichkeit, zwischen diesen zu springen ohne Warte- und Ladezeiten.

Was wir außerdem ausprobiert haben, ist eine Schnell-Lese-Variante, in der einige Worte fettgedruckt sind, während der Rest des Textes in grau erscheint. Ich könnte mir vorstellen, dass auch das der räumlichen Orientierung dienen könnte, da die Worte ja auch ein grafisches Muster ergeben. Zudem erleichtert es den Wiedereinstieg nach einer Lesepause oder auch die Suche nach einer bestimmten Stelle.

Außerdem neu und revolutionär: Was mich an klassischen Multimediareportagen sehr stört ist die Tatsache, dass sich Text und Multimedia meistens doppeln: man klickt ein Interview an, und der Protagonist sagt genau das Gleiche, was man gerade im Text gelesen hat. Wozu das? Ich habe die Visual Story so komponiert, dass sich Text und Multimedia ergänzen. Das führt aber auch dazu, dass die Reportage nicht funktioniert, wenn man die Videos nicht anschaut – was offenbar klassischen Lesegewohnheiten widerspricht: die Medien haben die LeserInnen schon dazu erzogen, dass man Videos getrost ignorieren kann. Zumindest haben mich schon einige erstaunte Nachfragen erreicht, wieso die Visual Story solche Lücken habe. 🙂 Also bitte: wenn Visual, dann aber auch richtig: mit allen Videos. Und für Video-Muffels – für die ich großes Verständnis habe – gibts die Leseversion für die Bilder im Kopf (die ja meistens sowieso noch schöner sind als die im echten Leben).

Meine Fragen an euch wären also: funktioniert die Orientierung in der Leseversion? Was fehlt euch? Wie gefällt sie euch ansonsten? Könnt ihr mit der Schnell-Lese-Funktion etwas anfangen? Funktioniert die Komposition in der Visual Story? Werden sich LeserInnen noch umstellen können auf ein Konzept, in dem sich Text und Video ergänzen und bedingen? Oder verwirrt so etwas eher? Ist das aus eurer Sicht wünschenswert oder stört euch die Retundanz in klassischen Multimedia-Geschichten gar nicht so sehr?

Ich freue mich sehr auf euer Feedback – entweder gleich hier in den Kommentaren, per Mail unter mail@ewo.name oder auf Facebook oder Twitter!

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.