DebateExplorer: Wie sag ichs der Maschine?

Blog über unser Datenjournalismusprojekt DebateExlorer, Mai 2016

Und schwupp! Schon ist es noch schwieriger, die passenden Beiträge zu finden. Ich widme mich nach der Hotelsteuer dem Thema Vorratsdatenspeicherung, während Computerlinguist Andre Blessing versucht, unser System mit meinen Annotationen zu trainieren und ihm erste eigene Vorschläge zur Hotelsteuer zu entlocken. Bei der Vorratsdatenspeicherung fällt mir auf, dass Hotelsteuer noch ein einfaches Thema war. Es gab ein ganz klares pro und contra: die Redner im Bundestag waren entweder dafür, dass Hotels und Gaststätten einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz bekommen, oder sie waren dagegen. Und schon da fiel es mir immer wieder schwer, unserer „Maschine“ zu sagen, wer nun gerade dafür oder dagegen argumentiert – unter anderem wegen der perfiden Rhetorik im Bundestag. Aber da sind nun die Computerlinguisten an der Reihe um zu sehen, ob meine Annotationen dazu geführt haben, dass das System etwas gelernt hat.

Erste Ergebnisse, die das System auf der Suche nach Mustern in der gesamten Datenmassen gefunden hat – unabhängig von meiner Annotation, also durch unüberwachtes Lernen – lassen mich hoffen: Weiterlesen

Die perfekte Erinnerung

DIE ZEIT, 21. Januar 2016

Lässt sich alles, was wir erleben, digital speichern? Informatiker arbeiten daran. Wie ich Teil eines Experiments wurde.

Der Cyborg, der mir im Frühling 2013 in einem Stuttgarter Cafe gegenüber sitzt, sieht aus wie ein ganz normaler Mitvierziger mit leichten Geheimratsecken, in Hemd und Jeans. Nur sein türkiser Brillenbügel ist auffällig breit. Am vorderen Ende ist eine kleine Kamera eingearbeitet und ein Prisma. Seine rechte Hand steckt in der Hosentasche.

Thad Starner ist nicht allein. Er hat sein »System« bei sich. Das erkennt man an seiner Googlebrille und einer nahezu unsichtbaren rechteckigen Spiegelung auf seiner Netzhaut. In seiner Hosentasche hat er eine Fünffinger-Tastatur. Starner ist Informatikprofessor am Georgia Institute of Technology und ein Pionier der Erforschung anziehbarer Computer (wearable computing). Fast sein halbes Leben lang, seit mehr als 20 Jahren, trägt er wechselnde Versionen eines Prototypen am Körper. Er sieht sein »System« als Erweiterung seines Gehirns.

Weiterlesen

Zehn Schlüsselfragen der Kryptografie

spektrum.de/Spektrum der Wissenschaft, 28. April 2016 Link

Seit dem iPhone-Hack durch das FBI und der Einführung der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Whatsapp fragen sich viele, wie sicher Verschlüsselung ist und wie sie überhaupt funktioniert. Hier die zehn wichtigsten Fakten zum Thema – und ein kleines Rätsel, das einiges verdeutlicht.

Weiterlesen

DebateExplorer: Unser Vortrag auf der Republica

Am Anfang standen Fragen wie: Schreiben Lobbyisten tatsächlich die Gesetze, wenn es darum geht, den Datenschutz aufzuweichen – und wenn ja: in welcher Form? Wer treibt die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen voran und will die Freiheit im Netz einschränken – wer zieht die Strippen im Hintergrund? Jetzt entwickeln wir Prototypen für ein datenjournalistisches Tool für solche investigativen Recherchen. Textmining und interaktives maschinellens Lernen für den Journalismus der Zukunft. Wir stellen unser Datenjournalismus-Projekt DebateExplorer auf der diesjährigen Republica in Berlin vor: am Dienstag, 2. Mai 2016, 16.45 Uhr, Station Berlin.

Weiterlesen

„Wenn Menschen das Wort ‚offline‘ hören, denken sie, dass ich das Internet abschalten will“

Technology Review, April 2016

Ein Doktorand löst eine Identitätskrise, indem er eine Bewegung für mehr offline-Aktivitäten in seinem Fach gründet. Seither arbeiten immer mehr Informatiker daran, uns im realen Leben zusammen zu bringen.

Als Nemanja Memarovic die Zweifel packen, ist es schon zu spät. Er ist bereits Informatiker. Umgeben von einer technischen Welt, von Kollegen, die vor allem wissen wollen, welche neue Technologie er gerade entwickelt, welche hippe App er programmiert, und von Freunden, die schlagfertige Facebook-Posts von ihm erwarten. Bis zu diesen Wochen rund um Weihnachten 2009 lebt er in einer heilen Welt, in der Facebook seine zweite Heimat ist. Dann zieht der junge Serbe aus New Hampshire, USA, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter Fahrerassistenzsysteme erforscht hat, nach Lugano. Dort möchte er promovieren. „Bis dahin kannte ich alle meine Facebookfreunde persönlich“, sagt er rückblickend. Doch das ändert sich schlagartig, als das soziale Netzwerk einen Aufschwung erlebt, immer mehr nur über Ecken Bekannte sich mit dem Uni-Absolventen vernetzen wollen und Memarovic durch seinen Umzug zusätzlich einige neue Kontakte gewinnt. Facebook schien auf einmal zu explodieren. Aus der Heimat wurde Fremde. Und Einsamkeit. „Ich wusste nicht mehr, zu wem ich rede, und vorallem auch nicht mehr, wer mir zuhört.“    Weiterlesen

DebateExplorer: Die Mühen der Ebene

Ich sollte glücklich sein! Ich trainiere eine Software, die den Journalisten der Zukunft die Arbeit erleichtern soll. Die investigative Recherche am Leben erhält. Ich arbeite voll am Puls der Zeit – wer würde sich nicht wünschen, auch mal eine künstliche Intelligenz mit eigenem Hirnschmalz anzureichern?

Aber manchmal holen mich die Mühen der Ebene ein: Das Bürokratendeutsch der Politiker beispielsweise. Wird eine Maschine je verstehen können, was diese vor lauter Rhetorik wirklich meinen? Sie wiederholen die Argumente der Gegenseite, bevor sie verklausuliert zu ihren eigenen Standpunkten kommen, sie verwenden ohne Ende doppelte Verneinungen, Schachtelsätze – werden meine Annotationen dem Algorithmus wirklich helfen? Weiterlesen

Verdammt echt

Die ZEIT, 25. Feburar 2016

Die Virtuelle Realität fühlt sich realer an, als sich viele vorstellen können. Und sie kann missbraucht werden. Ein Ethik-Kodex soll der Gesellschaft helfen, die gute Verwendung der Technologie zu sichern.

Dieser Selbstmord war zu viel. Sean Buckley ist nicht allzu zart besaitet, er testet regelmäßig die neuesten Virtual-Reality-Killerspiele für das US-Magazin „engadget“. Aber als sich die junge Frau vor seinen Augen erschoss, zitterte er am ganzen Körper. „Das ist nicht fair, habe ich geschrien, ich bin völlig ausgeflippt“, beschreibt er seine Erfahrung im Nachhinein: „Sie war so real.“

Noch härter traf es die ersten Nutzer einer Demo für ein Sony-Headset. Dort konnte der Spieler die Pistole an die eigene Schläfe  setzen und abdrücken. Der virtuelle Selbstmord versetzte die Betroffenen derart unter Stress, dass das Unternehmen das Feature schnell wieder entfernte. „Dieses Medium ist sehr mächtig, deshalb müssen wir vorsichtig mit dem sein, was wir anbieten“, kommentierte Sony-Chef Shuhei Yoshida den Vorfall.
Der Virtual Reality wird für dieses Jahr der Durchbruch auf dem Massenmarkt vorhergesagt. Aber so manche Gamer machen derzeit Erfahrungen, die der Gesellschaft besser erspart bleiben sollten. Weiterlesen

„Löschen trifft die Falschen“

Technology Review 02/16, Februar 2016

Politiker fordern Propagandamaterial von Terrororganisationen wie dem IS im Internet zu löschen. Sinnlos, sagt Zahed Amanullah vom Institute for Strategic Dialogue in London. Er setzt auf das Datenwissen von Google und Facebook, um dem Radikalismus Einhalt zu gebieten.

Herr Amanullah, Sie arbeiten mit Google, Facebook und Twitter zusammen, um Hasskommentare und Propaganda auf diesen Netzwerken einzudämmen. Dabei beeinflussen Sie die Inhalte, die Nutzer zu sehen bekommen. Wie haben Sie die Unternehmen dazu gebracht, mit Ihnen zusammen zu arbeiten?

Das war leicht. Wir haben ihnen in einer ersten Studie vor Augen geführt, wie sehr beispiesweise der IS ihre Netzwerke zur Propaganda benutzt, wie dort neue Terroristen rekrutiert werden. Sie waren sehr betroffen – und sehr offen für die Zusammenarbeit. Die Macher von Facebook und Co wollen schließlich, dass ihre Plattformen für Gutes genutzt werden.

Wenn diese Frage bei den Netzwerken Priorität hat, wieso kommen diese dann so schlecht dagegen an?

Die Anbieter haben lange versucht, entsprechende Profile und Posts zu löschen. Aber die Extremisten sind so gut vernetzt, dass das zu langsam ist. Die Inhalte gehen trotzdem raus und verbreiten sich schnell. Löschen funktioniert nicht. Weiterlesen

Was macht eigentlich der Molekularpsychologe Christian Montag?

Bild der Wissenschaft 01/2016

Einige ereignisreiche Tage im Leben des jungen Professors, der sich wie ein Detektiv auf die Spuren der Internetsucht begibt.

Ping! Christian Montag ist gerade im Büro angekommen, hat den Computer hochgefahren und die Bilder des jüngsten Hirnscans geöffnet, schon ertönt dieses vertraute „pling“, das eine Whatsapp-Nachricht auf seinem Smartphone ankündigt. „Dieses Ding“, sagt der 38-jährige Psychologe mit empörtem Unterton und fixiert sein Handy neben der Tastatur, „dieses Ding, das macht uns doch ganz kirre.“ Er angelt danach und stellt es auf lautlos. „Dieses Ding frequentiert unseren Alltag“, setzt er hinterher, „es unterbricht uns ständig beim Arbeiten. Wir können uns gar nicht mehr richtig konzentrieren.“ Er legt es weg und schaut ratlos vom BAP-Poster auf der einen Seite seines Büros zum Foto an der anderen Wand, das ihn selbst als Rockgittaristen zeigt . „Wo waren wir gerade?“

Und damit wären wir beim Thema. Christian Montag treibt die Frage um, wie sich Smartphone, Internet und Co auf unser Gehirn auswirken. Er ist kein Technologiekritiker. Aber als Psychologe weiß er, wie sehr ständige Unterbrechungen unser Arbeitsgedächtnis belasten. „Wir kommen heutzutage gar nicht mehr in einen konzentrierten Arbeitsflow“, sagt er. Denn dafür braucht man eine unterbrechungsfreie Zeit am Stück. Wer zu viele Baustellen gleichzeitig im Arbeitsalltag überblicken muss, der wird unkonzentriert und vergesslich. Und ist am Ende des Tages unzufrieden, weil er nicht recht voran kam. Das zermürbt viele. Weiterlesen

Workshop Pressearbeit für WissenschaftlerInnen

Am Montag, 22. Februar, startet mein erster Workshop „Pressearbeit für WissenschaftlerInnen“ für den Sonderforschungsbereich „Quantitative Methods for Visual Computing“ in Stuttgart. Ein zweiter Workshop findet am 4. April in Konstanz statt.

Inhalte sind unter anderem:

  • Interaktiver Vortrag: Wie funktioniert die Presse? Nach welchen Kriterien werden News ausgewählt?
  • Spiele, Übungen und Tricks, um das Thema in der eigenen Forschung zu finden
  • Bad Practice: aus anderer Leute Fehler lernen
  • Selbst besser machen: Am Ende hat jeder eine kleine Meldung geschrieben (es ist gar nicht so schwer!)
  • Warum erfolgreiche Pressemitteilungen trotzdem manchmal ein Problem haben

Ein Highlight werden die vom spektrum-Kollegen Mike Beckers gesammelten „Kontextlosen Pressebilder“ sein: Hier gibts die komplette Sammlung.

Für die Teilnehmer gibt es hier die Folien (passwortgeschützt).