Quer in Richtung Regenzeit

P.M. 04/2012  –  pdf

Die Himmelsrichtungen Nord, Süd, Ost, West erscheinen uns ebenso selbstverständlich wie die Bezeichnungen rechts und links, vorne und hinten. Aber in weiten Teilen der Welt existieren ganz andere Systeme der Orientierung. Sie verlangen beeindruckende Fähigkeiten – und für Westler ein enormes Umdenken, wenn sie nicht verloren gehen wollen

Es ist ein schöner Nachmittag, Bernd Heine sitzt mit einigen Einheimischen im ländlichen Norden Nigerias unter einem Baum. Der junge Linguist ist gekommen, um die Sprache Hausa zu erforschen, eine der größeren Verkehrssprachen Afrikas. Aber für heute hat er Feierabend, seine afrikanischen Gastgeber haben die traditionelle Wasserpfeife schon vorbereitet. „Hol mal die Wasserpfeife hinter dem Baum“, fordert einer der Afrikaner Bernd Heine auf. Der wundert sich: hinter dem Baum ist keine Pfeife. Sie steht vor dem Baum.

„Ich war verwirrt“, gesteht Heine heute. Mehr als 50 Jahre nach diesem  Erlebnis zu Beginn seiner Karriere weiß der heutige Professor und ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Afrikanistik der Universität Köln, wie sehr Europäer umdenken müssen, wenn sie sich in anderen Teilen der Welt orientieren wollen. Weder unser vertrautes Modell der Himmelsrichtungen, noch Konzepte von links und rechts oder vor oder hinter sind auf der Welt universal – auch wenn das die Linguistik lange dachte.

„Gänsemarschmodell“ hat Heine das Konzept der Hausa-Sprache genannt, das „davor“ und „dahinter“ genau anders herum benutzt als wir: Der Baum „schaut“ nach Ansicht der Hausa-Sprecher in die gleiche Richtung wie sein Betrachter. Jener steht also immer „hinter“ dem Baum. Zusammen mit den Dingen, wie beispielsweise der Wasserpfeife, bildet er und der Baum einen Gänsemarsch: Die Wasserpfeife ist also hinter dem Baum, der Sprecher in diesem Fall hinter der Wasserpfeife.

Orientierung ohne Himmelsrichtungen

Einige Jahre später mussten sich die Linguisten Gerrit Dimmendaal und Franz Rottland 1996 im Südsudan mit Orientierungsproblemen herumschlagen, als sie die Sprache der Dinka erforschten. Während ein Dialekt-Sprecher „Land hinten“, sagte und dabei nach Osten zeigte, deutete ein anderer Dinka-Sprecher bei der Frage nach dem „Land hinten“ genau in die entgegengesetzte Richtung: nach Westen. Begriffe wie „Osten“ und „Westen“ kannten die Beiden nicht. Die Forscher fanden heraus, dass die Sprecher auf unterschiedlichen Uferseiten des Flusses „Bahr al Arab“ siedelten und den Fluss zur Orientierung nutzen: Richtung Fluss ist in beiden Sprachen vorne – und damit entgegen gesetzt.

Die afrikanischen Sprachen sind kein Einzelfall: Aktuelle Forschungen auf der ganzen Welt zeigen, dass die Himmelsrichtungen Nord, Süd, Ost, West kein allgemeingültiges Orientierungssystem sind. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik Nijmwegen Stephen C. Levinson hat das für Südamerika nachgewiesen und kürzlich einen Sammelband mit Beispielen aus aller Welt herausgebracht. Er stellt fest: „Das räumliche Denken bei Menschen ist in der Tat unterschiedlich, es basiert auf Begriffssystemen, die sich nicht überschneiden.“ Ähnliches bestätigt  Angelika Mietzner vom Institut für Afrikanistik der Universität Köln für afrikanische Sprachen: „Die Benennung von Himmelsrichtungen ist nicht allgemeingültig, sondern von vielen Faktoren der menschlichen Erfahrung abhängig.“

Doch es gibt Gemeinsamkeiten. Der Linguist Cecil Brown von der Northern Illinois University hat bereits 1983 127 Sprachen aus allen Teilen der Welt analysiert. Dabei fand er heraus, dass sich die meisten Begriffe für Himmelsrichtungen in irgend einer Form auf die Sonne beziehen. So drückten über die Hälfte der Sprachen Osten und Westen mit Worten wie „aufgehen, steigen“ und „absteigen, fallen“ aus. So auch die von Mietzner untersuchte Sprache des afrikanischen Päri-Stammes, in der Osten wörtlich übersetzt „Ort der aufgehenden Sonne“ bedeutet.

Die Sonne als Orientierungspunkt

Für Norden und Süden jedoch konnte Brown weniger Äquivalente finden – diesen Himmelsrichtungen fehlte ein universales Merkmal zur Orientierung. Sie werden dafür oft mit Begriffen wie „links“ und „rechts“ benannt. Dabei sind sich die jeweiligen Gemeinschaften einig, in welche Richtung der Sprecher blickt. Die anderen Himmelsrichtungen werden in Abhängigkeit von dieser so genannten „kanonischen Position“ beschrieben. In vielen Kulturen ist diese Position der Osten: „Dieser steht für die geistige Orientierung“, sagt der Bremer Philologieprofessor Dieter Richter. Viele Kirchen seien gen Osten ausgerichtet, Moslems beten Richtung Osten.
Aber auch der Osten ist als kanonische Position nicht universal, erklärt Mietzner: „Viele Ethnien orientieren sich an Landschaftsmerkmalen wie Flüssen oder Bergen.“ Die anderen Himmelsrichtungen werden von diesem Zentrum aus gedacht. Liegt zum Beispiel der Fluss im Norden, entspricht „rechts“ Osten und „links“ Westen, während Süden „hinten“ ist.

Das erfuhr Heine bei der Erforschung der heute ausgestorbenen Sprache der El Molo am Turkanasee in Nord-Kenia. „Das Steinzeitvolk am Ostufer des Sees lebte vom Fischfang und von der Flusspferdjagd“, erinnert sich Heine. Kein Wunder, dass der See eine große Rolle spielt. Anstatt „Westen“ sagten die El Molo „Seeseite“, Osten hieß „Landseite.“ Norden bedeutete „entlang des Seeufers entgegen gesetzt der Sonne.“
Dieses Orientierungssystem funktioniert gut auf überschaubarem Raum. „Kompliziert wird es aber beispielsweise bei den Eskimos in Grönland“, sagt Heine: Deren ganze Orientierung sei von Flussläufen geprägt. „Diese mäandern aber“, so Heine, „so kann es sein, dass die Begirffe für links und rechts, vorne und hinten von Dorf zu Dorf wechseln.“

Auch Deutsche orientieren sich an Flüssen

Ganz fremd ist uns dieses System übrigens nicht: Gerade in kleineren Flusstälern in Deutschland orientieren sich die Bewohner der Uferdörfer oft am  Gewässer – wie beispielsweise am Fluss Kocher in Hohenlohe in Baden-Württemberg: „Kocherabwärts“ oder „Kocheraufwärts“, „diesseits“ und „jenseits des Kocher“ sind dort die vorherrschenden Richtungsangaben. „Schließlich haben wir Europäer uns früher hauptsächlich so orientiert“, erklärt Heine. Aber unsere Maßstäbe sind überlagert durch neuere Modelle wie Himmelsrichtungen: „Wir haben den direkten Zugriff zur Natur verloren.“

So musste Bernd Heine nur an Bergdörfer der Schweiz denken, um das Rätsel zweier Maasai-Dialekte am Fuße des Kilimanjaro zu lösen, die offenbar das gleiche Wort für entgegen gesetzte Richtungen hatten: Die Matapato Maasai leben nördlich des Kilimanjaro und bezeichnen den Süden mit „oben“, also in Richtung Berg. Die Kisinko Maasai leben südlich: Auch sie sagen „oben“, wenn sie Richtung Berg meinen, für sie bedeutet das Wort allerdings Norden. „Den Menschen dort war das teilwesie selbst nicht bewusst, dass das Wort nicht „Norden“ sondern „oben“ bedeutet.“ So seien sie bei einem Besuch auf der anderen Bergseite ebenso verwirrt gewesen wie der westliche Forscher.
Auch das Wetter ist in manchen Sprachen ein Orientierungspunkt. Im Shilluk, einer Sprache im Südsudan, bedeutet Norden laut der Afrikanistin Anne Storch „das Auge des Westwindes“. Andere Forscher haben diese Formulierung hingegen mit „Westen“ übersetzt. Nicht alles kann man in unsere Kategorien übersetzen, erklärt Storch den Unterschied. Möglicherweise sei die genaue Richtung auch Nordwesten. „Dort zählt nicht die Kompassnadel, sondern die Richtung, aus der das schlechte Wetter kommt.“  Denn dieses bedeutet eine Gefahr für die Ernte – eine existenzielle Frage. Immerhin zehn Prozent der von Brown untersuchten Sprachen nutzen Landmarken und Wetterphänomene zur Orientierung.

Die westliche Hand, der östliche Fuß

Ein ganz anderes Extrem entdeckte der britische Anthropologe John  Haviland in den siebziger Jahren in der Guugu-Yimitherr-Sprache, die eine Gruppe australischer Aborigines in der Nähe von Cooktown spricht. Hier existieren offenbar keine Worte für links, rechts, vorne oder hinten. Das alles wird mit Hilfe der Himmelsrichtungen ausgedrückt: Die linke Hand ist in dieser Sprache beispielsweise die „westliche Hand“, wenn der Sprecher gerade nach Norden schaut. Dreht er sich um 180 Grad, wird die gleiche Hand zur „östlichen Hand“. Wenn sich ein Sprecher des Gugu Yimithirr neben einen anderen setzen möchte, sagt er beispielsweise „naga-naga manaayi“ – „rück ein Stückchen nach Westen.“ Der Angesprochene versteht ohne nachzudenken, welche Richtung gemeint ist.

Die Sprecher haben offenbar die Himmelsrichtungen „im Gefühl“, sie müssen weder nach dem Stand der Sonne schauen noch auf die Windrichtung achten, um in jedem Moment zu wissen, wo Norden, Süden, Osten und Westen sind. Der Linguist Levinson erforschte diese Sprache in den 1980er Jahren weiter – und musste lernen umzudenken: Als ihm ein Einheimischer erklärte, wo in einem weiter entfernten Laden der Gefrierfisch zu finden ist, deutete dieser mit der Hand nach Rechts: „ganz hinten auf dieser Seite“. Als Levinson das Geschäft erreicht hatte, suchte er die Gefriertruhe vergeblich im hinteren rechten Teil des Ladens. Die Truhe fand der erstaunte Linguist schließlich links. Levinson war einem kulturellen Missverständnis aufgesessen: Der Sprecher hatte nicht nach „rechts“ gezeigt, da diese Kategorie im Guguu Yimitherr nicht existiert, sondern gemäß seiner Logik nach Nordosten. Für ihn war die Beschreibung eindeutig: Wenn Levinson den Laden betrete, müsse er nach Nordosten gehen.

Die Entdeckung dieser Sprache veranlasste Levinson zu seinem großen Forschungsprojekt über die Orientierung in allen Teilen der Welt. Tatsächlich fanden er und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut in Nijmwegen zahlreiche weitere Beispiele für Sprachen, die sich nicht wie wir nach egozentrischen Koordinaten orientieren, die eine Richtung ausgehend vom eigenen Körper beschreiben – wie rechts, links, vor oder hinter – , sondern rein nach geographischen. Auch in Australien stießen die Forscher auf weitere Sprachen mit rein geographischer Orientierung wie das Djaru in Westaustralien oder das Walpiri aus der Nähe von Alice Springs.

Wissenschaft muss umdenken

Aber auch auf der anderen Seite der Welt wird dieses Koordinatensystem angewendet: Die Maya-Sprache Tzeltal aus dem mexikanischen Hochland bedient sich ihm. Allerdings über einen weiteren Umweg: Die Sprecher orientieren sich an einer Bergkette, die nach Süden ansteigt. Daraus ergeben die Richtungen „bergab“ (Norden), „Bergauf“ (Süden) und „quer“ (je nach Zusatz Osten oder Westen). Sie würden einen Weg also nicht mit den Worten „an der nächsten Kreuzung rechts und dann links“, sondern „an der Kreuzung Richtung bergab, dann quer in Richtung x (Ortsname)“ beschreiben.

Die Wissenschaft musste umdenken. „Sie musste begreifen, dass einige Sprachen radikal abweichen von dem, was man bis dahin für universell und natürlich gehalten hatte“, so der britische Linguist Guy Deutscher. Auch die Afrikanistin Mietzner wehrt sich gegen eine eurozentristische Sichtweise, die davon ausgeht, dass manche Sprachen nicht alle Richtungen ausdrücken können: „Die Frage ist, in welchen Sprachen Ausdrücke der Orientierung lexikalisiert sind und somit als Himmelsrichtung Gültigkeit haben.“
Auf ein schier unlösbares Rätsel stießen die Forscher Rottland und Dimmendaal schließlich in Tansania: Das Volk der Bianjida orientierte sich ganz offentsichtlich an seinen Nachbarn: Norden bedeutet „Takameera“, die Richtung des Volkes Takama, Süden ist „Sukumeera“: In Richtung des Volkes Sukuma. Tatsächlich befinden sich aber die Takama nicht im Norden, sondern im Süden und die Sukuma im Norden der Bianjida. Was ist passiert?

„Die Begriffe Takameera für Norden und Sukumeera für Süden wurden im 17. Jahrhundert gebildet, als die Takameera noch im Norden siedelten“, erklärt Mietzner, „danach gab es eine Völkerwanderung.“ Jetzt ist es genau anders herum, die Worte sind dennoch erhalten geblieben. An diesem Beispiel kann man zusätzlich die Siedlungsgeschichte Tansanias rekonstruieren. Ein Wissen, das womöglich bald verloren geht, befürchtet Mietzner: Mit zunehmender  Schulbildung in den ländlichen Gebieten Afrikas setzt sich die englische Sprache und damit auch das westliche System der Himmelsrichtungen immer stärker durch. Die traditionellen Worte geraten in Vergessenheit.


Infokasten: Viel Aufwand für aussterbende Sprachen – Wie Linguisten arbeiten

Im Mai 2001 sitzt die deutsche Afrikanistin Anne Storch in einem Flüchtlingslager in Khartoum und unterhält sich mit Flüchtlingen aus dem Südsudan. Während über ihren Köpfen die Kampfflugzeuge fliegen, schaut sie mit den Bürgerkriegsflüchtlingen ein Bilderbuch an: „Frog, where are you?“ (Frosch, wo bist du?) Sie versucht, die Sprache Shilluk zu verstehen. Sie lässt die Einheimischen in ihrer Sprache beschreiben, wo sich der Frosch befindet: Auf einem Baum, neben einer Pflanze, unter einer Blume. „Linguistisches Material kann man ja nicht einfach abfragen“, erklärt die Professorin an der Universität Köln ihr damaliges Vorgehen. Würde sie fragen: „Was bedeutet Osten in eurer Sprache?“, würde sie eventuell Missverständnisse produzieren, falls es diese Kategorie in der erforschten Sprache nicht gibt. Mühsam transkribiert sie später ihre Tonbänder und bespricht die Ergebnisse mit Einheimischen: Sie versucht, eine Sprache zu lernen, die in keinem Lexikon steht.

Sprachen zu erforschen ist eine aufwendige Wissenschaft. 6000 bis 7000 Sprachen gibt es derzeit ungefähr auf der Welt, in hundert Jahren werden es nur noch etwa 2000 sein, schätzt der Linguistik-Professor Bernd Heine. Viele traditionelle Gemeinschaften geben ihre Sprache im Zuge der Globalisierung auf: Mit Englisch oder den großen afrikanischen Verkehrssprachen kann man sich einfach besser verständigen. Gerade diese aussterbenden Sprachen sind im Fokus der Wissenschaft. Aber was nutzt es der Gesellschaft, wenn Sprachen übersetzt werden, die nicht mehr gesprochen werden? „Wenn solche Sprachen verschwinden, geht Wissen und Vielfalt verloren“, sagt Storch. Ähnlich wie kulturelle Objekte in Museen  lohne es sich deshalb, Sprachen zu konservieren. Nur so erkennen wir, dass unser Verständnis der Welt nicht universal ist: „Wir sind nicht das Maß der Dinge.“

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