Dampf im Kessel

Der Tagesspiegel, 29.08.2010  –  pdf

Der Schauspieler Walter Sittler steht an der Spitze der Protestbewegung gegen das Projekt Stuttgar 21. Eine Protestwoche an der Seite des späten aber kompromisslosen Rebellen zeigt, wieso es im Stuttgarter Talkessel brodelt.

40 000 tanzen nach seiner Pfeife. Die Pfeife baumelt an einem roten Band um den Hals von Walter Sittler. Sie ist seit Wochen sein wichtigstes Utensil. Der Schauspieler steht auf der Rednertribüne vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, hebt die Hände und fängt an, von zehn abwärts zu zählen. Bei „acht“ stimmen die 40 000 Menschen auf der Freitagsdemonstration mit ein, 7,6,5,4. Bei „eins“ holt Sittler tief Luft, die Menge mit ihm, bei „null“ bläst er in die Pfeife: Auf vom Platz vor ihm ertönt ein ohrenbetäubender Lärm. 40 000 Menschen trillern, trommeln, schreien. Nach genau einer Minute hebt Sittler wiederum die Arme und streicht wie ein Dirigent am Ende des Stückes quer durch die Luft. Schlagartig Ruhe. „Oben bleiben!“, skandiert der Schauspieler dann den Schlachtruf der Gegner des geplanten Tiefbahnhofes. Der Stuttgarter Talkessel hallt wider vor Protestrufen.

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„Wir wollen die Wahlergebnisse, sofort!“

stern.de, 14.04.2008  –  online

Simbabwe verharrt in angespannter Haltung. Ein generelles Versammlungsverbot und Übergriffe auf Oppositionelle schüchtern die Bevölkerung ein. Aber die Wut der Menschen wächst und sie finden andere Wege, ihre Rechte einzufordern.

Die Menschen strömen von allen Seiten in die Central Baptist Church im Stadtzentrum vom Harare. Tausende füllen schließlich den Kirchensaal, alle Stühle sind belegt. Die Menge rückt noch enger zusammen, auf jedem freien Fleck auf dem Boden sitzt jemand und schaut erwartungsvoll nach vorne. „Wir wollen die Wahlergebnisse, sofort!“ steht auf den Flyern, mit denen die Christian Alliance, ein Zusammenschluss Geistlicher aus verschiedenen Kirchen Simbabwes, zum Gottesdienst geladen hat. „Wir Christen sollen uns nicht fürchten“, sagt Jonah Gokova, der den Gottesdienst als Leiter einer landesweiten ökumenischen Initiative mit veranstaltet. Das ist leichter gesagt als getan. Gokova wurde schon einmal nach einer ähnlichen Veranstaltung von bewaffneten Polizisten festgenommen. Erst nach Tagen kam er gegen Kaution frei.

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