Algorithmen: Die unsichtbaren Lenker unseres Lebens

Berliner Zeitung, 3. September 2016

Im Hintergrund entscheiden Computer viele Dinge in unserem alltäglichen Leben. Das bringt nicht nur Vorteile mit sich.

Die Bank verweigert einen Kredit trotz bester Bonität, Amazon schlägt beharrlich Bücher vor, die man nie lesen würde und der Ganzkörperscanner am Flughafen findet irgendetwas auffällig am eigenen Körper: das kann zwar keiner der freundlichen Beamten erklären, es zieht aber eine aufwendige Sicherheitskontrolle und einen Sprint zum Gate nach sich: Das alles sind die Folgen von Computerentscheidungen, die auf der Grundlage von Algorithmen getroffen wurden. Jeder kennt sie aus dem Alltag, aber die wenigsten machen sich bewusst, dass dahinter Rechenvorschriften liegen, die unser Leben immer mehr bestimmen. Drei Beispiele aus dem Alltag, die gleichzeitig auch die Probleme beschreiben:

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„Wenn Menschen das Wort ‚offline‘ hören, denken sie, dass ich das Internet abschalten will“

Technology Review, April 2016

Ein Doktorand löst eine Identitätskrise, indem er eine Bewegung für mehr offline-Aktivitäten in seinem Fach gründet. Seither arbeiten immer mehr Informatiker daran, uns im realen Leben zusammen zu bringen.

Als Nemanja Memarovic die Zweifel packen, ist es schon zu spät. Er ist bereits Informatiker. Umgeben von einer technischen Welt, von Kollegen, die vor allem wissen wollen, welche neue Technologie er gerade entwickelt, welche hippe App er programmiert, und von Freunden, die schlagfertige Facebook-Posts von ihm erwarten. Bis zu diesen Wochen rund um Weihnachten 2009 lebt er in einer heilen Welt, in der Facebook seine zweite Heimat ist. Dann zieht der junge Serbe aus New Hampshire, USA, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter Fahrerassistenzsysteme erforscht hat, nach Lugano. Dort möchte er promovieren. „Bis dahin kannte ich alle meine Facebookfreunde persönlich“, sagt er rückblickend. Doch das ändert sich schlagartig, als das soziale Netzwerk einen Aufschwung erlebt, immer mehr nur über Ecken Bekannte sich mit dem Uni-Absolventen vernetzen wollen und Memarovic durch seinen Umzug zusätzlich einige neue Kontakte gewinnt. Facebook schien auf einmal zu explodieren. Aus der Heimat wurde Fremde. Und Einsamkeit. „Ich wusste nicht mehr, zu wem ich rede, und vorallem auch nicht mehr, wer mir zuhört.“    Weiterlesen

„Löschen trifft die Falschen“

Technology Review 02/16, Februar 2016

Politiker fordern Propagandamaterial von Terrororganisationen wie dem IS im Internet zu löschen. Sinnlos, sagt Zahed Amanullah vom Institute for Strategic Dialogue in London. Er setzt auf das Datenwissen von Google und Facebook, um dem Radikalismus Einhalt zu gebieten.

Herr Amanullah, Sie arbeiten mit Google, Facebook und Twitter zusammen, um Hasskommentare und Propaganda auf diesen Netzwerken einzudämmen. Dabei beeinflussen Sie die Inhalte, die Nutzer zu sehen bekommen. Wie haben Sie die Unternehmen dazu gebracht, mit Ihnen zusammen zu arbeiten?

Das war leicht. Wir haben ihnen in einer ersten Studie vor Augen geführt, wie sehr beispiesweise der IS ihre Netzwerke zur Propaganda benutzt, wie dort neue Terroristen rekrutiert werden. Sie waren sehr betroffen – und sehr offen für die Zusammenarbeit. Die Macher von Facebook und Co wollen schließlich, dass ihre Plattformen für Gutes genutzt werden.

Wenn diese Frage bei den Netzwerken Priorität hat, wieso kommen diese dann so schlecht dagegen an?

Die Anbieter haben lange versucht, entsprechende Profile und Posts zu löschen. Aber die Extremisten sind so gut vernetzt, dass das zu langsam ist. Die Inhalte gehen trotzdem raus und verbreiten sich schnell. Löschen funktioniert nicht. Weiterlesen

Social Media unplugged

Neue Züricher Zeitung, 13. August 2015

Ein junger Informatiker aus Zürich begründet eine Bewegung für mehr soziale Kontakte im echten Leben – vermittelt durch Computer. Zuerst wird er von seinen Kollegen belächelt. Jetzt holt der Mainstream auf.   

Männer in Hemd und Krawatte ziehen Grimassen, eine stolze Doktorandin hält umringt von Freunden  ihre Dissertation in die Kamera, eine Mutter und ihre beiden kleinen Töchter springen in die Höhe: diese Szenen hat die „Moment Machine“ festgehalten, ein öffentliches Display an der Universität Lugano mit eingebauter Kamera. Wer immer möchte, kann sich hier allein oder mit Freunden  fotografieren lassen, das Bild erscheint auf dem Display und auf Facebook. Allein lässt sich hier kaum einer abbilden: es sind fast nur Gruppen von Menschen, die sichtlich Spaß haben.

Mittendrin steht manchmal Nemanja Memarovic, stolz auf sein bislang erfolgreichstes Projekt, und freut sich, wie die Technologie Menschen zusammenbringt. Der 32-jährige Informatiker der Universität Zürich hat die „Moment Machine“ mit Kollegen in Lugano entwickelt. Im Gegensatz zu all den sozialen Netzwerken, die Momente im Leben ihrer Nutzer nur abbilden, kreiert Memarovics Maschine solche: Menschen treffen sich und tauschen sich aus. Wie wertvoll solche Momente sind, das weiß Memarovic, seit sie ihm einst entglitten sind. Weiterlesen