Die Spione, die ich liebte

Stuttgarter Zeitung, 10. November 2017

Die Technikjournalistin Eva Wolfangel hat in unzähligen Artikeln vor datenhungrigen Apps gewarnt. Im Selbstversuch während einer Recherchereise in die USA verliebt sie sich allerdings in deren allumfassenden Service und kann auf einmal verstehen, wieso Menschen gerne verdrängen, dass ihre Bewegungsprofile auf amerikanischen Servern liegen und Uber weiß, mit wem sie eine Affäre haben.

Als ich in diesem Sommer den Spion in mein Leben ließ, hatte ich noch kein Ahnung, wie schwer es werden würde, mich von ihm wieder zu trennen.
Es geschah irgendwie zufällig, wie so viele Dinge im Leben, die einem die Augen öffnen in Momenten, mit denen man nicht damit rechnet. Weiterlesen

Google und die Frau am Herd

Hervorgehoben

Die ZEIT, 13. Juli 2017

Künstliche Intelligenz interpretiert die Welt auf ihre eigene Weise – und zementiert damit Vorurteile, Rassismus und Rollenklischees. Das führt die Suche nach der Formel für Gerechtigkeit ad absurdum.

Dieser Emmanuel Macron! Dankt am Abend seines Wahlsieges seinen „amerikanischen Mitbürgern“ für ihr Vertrauen! Wer Macrons Tweet vom 7. Mai las, der musste sich wundern – jedenfalls hierzulande und in Amerika. In der automatischen Übersetzung, die Twitter deutschen Nutzern anbot, war von „tiefer Dankbarkeit“ gegenüber den „amerikanischen Mitbürgern“ die Rede. Auch in den USA wurde Macrons Anrede „mes chers compatriotes“ als „my fellow americans“ übersetzt. Dabei bedeutet compatriotes im Französischen schlicht „Mitbürger“. Über Amerikaner hatte Macron kein Wort verloren. Wie Twitter nur darauf kam? Weiterlesen

Er fliege hoch!

ZEIT Wissen, 20. Juni 2017 – Leseprobe

Diese zwei Männer sehen nur so aus, als würden sie spielen. In Wirklichkeit sind sie an einem neuen Wettrennen beteiligt – zum Mond.

Auf den ersten Blick folgt dieser Vormittag im Februar dem Drehbuch der Raumfahrtromantik: Ingenieure tüfteln an Mondrover und bringen den Innovationsstandort Deutschland voran. Part Time Scientists nennen sich die Herren, Teilzeitwissenschaftler. Zuerst, im Jahr 2009, war da nur die fixe Idee, den Google Lunar Xprize zu gewinnen. 20 Millionen Dollar Preisgeld hat Google jenem Team versprochen, das einen Rover entwickelt und auf dem Mond 500 Meter weit fahren lässt. Heute arbeiten die Part Time Scientists Vollzeit. Sie vergeben Aufträge an Airbus und haben mit Audi einen ernstzunehmenden Sponsor gefunden. Spätestens für 2018 wollen sie ihrem Rover eine Mitfahrgelegenheit auf einer Rakete buchen.

Aber dahinter steckt viel mehr als nur der nächste Abenteuerausflug gen Himmel. Weiterlesen

Algorithmen: Die unsichtbaren Lenker unseres Lebens

Berliner Zeitung, 3. September 2016

Im Hintergrund entscheiden Computer viele Dinge in unserem alltäglichen Leben. Das bringt nicht nur Vorteile mit sich.

Die Bank verweigert einen Kredit trotz bester Bonität, Amazon schlägt beharrlich Bücher vor, die man nie lesen würde und der Ganzkörperscanner am Flughafen findet irgendetwas auffällig am eigenen Körper: das kann zwar keiner der freundlichen Beamten erklären, es zieht aber eine aufwendige Sicherheitskontrolle und einen Sprint zum Gate nach sich: Das alles sind die Folgen von Computerentscheidungen, die auf der Grundlage von Algorithmen getroffen wurden. Jeder kennt sie aus dem Alltag, aber die wenigsten machen sich bewusst, dass dahinter Rechenvorschriften liegen, die unser Leben immer mehr bestimmen. Drei Beispiele aus dem Alltag, die gleichzeitig auch die Probleme beschreiben:

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Das Smartphone wird zum Bausatz

Stuttgarter Zeitung, 2. März 2015

Google stellt auf dem Mobile World Congress in Barcelona sein „Project Ara“ der Öffentlichkeit vor. Solchen Baukasten-Smartphones wird eine große Zukunft vorhergesagt. Jeder Nutzer kann sie individuell nach seinen Bedürfnissen zusammenstellen. Die erhoffte Trendwende zu weniger Elektroschrott bringt das aber wohl nicht.

Dave Hakkens Schlüsselerlebnis war ein Reparaturversuch: Der niederländische Designer war froh als er entdeckte, dass in seiner kaputten Digitalkamera nur ein kleines Bauteil ausgetauscht werden musste. „Das war einfacher gesagt als getan“, sagt er heute desillusioniert. Nirgends gab es das Teil zu kaufen, niemand konnte die Kamera reparieren. „So wachsen die Berge an Elektroschrott.“ Noch häufiger seien es Smartphones, die wegen eines defekten Teils komplett entsorgt werden müssten. Der Umweltschützer und Technologiefan Hakkens ärgerte sich nicht lange, sondern startete im September 2013 „Phonebloks“ (https://phonebloks.com/en), eine Kampagne für ein modulares Smartphone, die innerhalb weniger Wochen zig Millionen Anhänger im Netz fand. Sie alle teilen die Forderung Hakkens, ein zusammensteckbares Smartphone zu entwickeln, dessen kaputte Teile vom Nutzer einfach ausgetauscht werden können. Viele Hacker unter ihnen erklären sich bereit, ein solches Produkt mit zu entwickeln.

Das machte Druck auf Google: Parallel zu Hakkens hatte der Konzern offenbar ebenfalls an einem modularen Konzept gearbeitet. Als klar wurde, wie groß die Phoneblok-Bewegung ist, ging Google mit seinem  „Project Ara“ an die Öffentlichkeit und bot an, die Community mit einzubeziehen. Unter dem kritischen Blick Hakkens und seiner Unterstützer arbeitet Google seither an einem modularen Smartphone, das auf dem Mobile World Congress in Barcelona erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Weiterlesen

Die Googlebrille wollte zu viel

Stuttgarter Zeitung, 21. Januar 2015

Was Google jetzt als „Neustart“ für Googleglass ankündigte, ist in Wirklichkeit das Eingeständnis des Scheiterns. Vieles an der Datenbrille war nicht ausgereift. Sie scheiterte aber letztlich an den weniger offensichtlichen, umso grundlegenderen Problemen.

„Neustart für Googleglass“: Was Ende vergangener Woche viele Zeitungen vermeldeten, klingt in den Ohren Unbedarfter vielleicht wie eine positive Nachricht. Und Google tut alles, um disen Eindruck zu verstärken: Das Team rund um die Brille sehe sich nun „einen Schritt weiter vom Konzept hin zur Realität“, ließ der Konzern verlauten. In Wirklichkeit gesteht Google damit aber ein, dass sein Konzept der Datenbrille vorerst gescheitert ist. Schließlich steckt hinter der Meldung die Tatsache, dass die aktuelle so genannte explorers-Version der Brille, die einige Monate lang als öffentliche Testversion für 1500 Dollar an die Öffentlichkeit verkauft wurde, nun eingestellt wird. Im Gegensatz zum früheren Vorgehen rund um die Datenbrille gibt sich Google diesmal verschwiegen, was die Zukunft betrifft. Was in etwa das künftige Modell können soll und wann es auf den Markt kommt – dazu gibt es keine Informationen. Das klingt nach Ratlosigkeit. Zu Recht, wie europäische Forscher meinen. Denn die Brille ist nicht nur an den offensichtlichen Problemen gescheitert. Weiterlesen