Hat die Virtuelle Realität ein Problem mit sexueller Belästigung?

Die ZEIT, 8. September 2016

(aus rechtlichen Gründen darf dieser Artikel hier nicht komplett erscheinen. Wer nach dieser Leseprobe Lust auf mehr hat, kann in der aktuellen ZEIT weiterlesen)

Soziale Interaktion in der virtuellen Realität wird als Zukunftsvision gehandelt. Aber die junge Technologie hat ein Problem mit sexuellen Übergriffen. Scheitert sie daran?

Hier stimmt etwas nicht. Schon aus dem Augenwinkel sehe ich, wie dieser Mann aus der Ecke des Raumes auffallend zielstrebig auf mich zukommt. Ich bin zum ersten Mal hier, habe mich gerade eben hierher gebeamt aus der anderen, der echten Welt, indem ich ein Virtual-Reality-Headset und Kopfhörer aufgesetzt und damit meinen physischen Körper in meiner Wohnung zurückgelassen habe. Ich habe Controller, die ich in dieser dreidimensionalen anderen Welt um mich herum wie Hände benutzen kann. Es ist, als wäre mein Geist an einen weit entfernten Ort gereist, wo er einen neuen Körper bezogen hat: einen Avatar in AltspaceVR, einem Treffpunkt in der Virtuellen Realität.

Eigentlich würde ich mich gerne diesem verrückt echten Gefühl hingeben, das mich sofort überfällt: Ich bin eingetaucht in eine komplette Welt, drehe mich um mich selbst, gehe ein paar Schritte durch den großen hellen Raum zur Terrassentür, vor der Vögel zwitschern und Grillen zirpen. Ein Bach plätschert neben dem Haus. Eigentlich würde ich jetzt gerne diese andere Welt erkunden, die friedliche Atmosphäre genießen mit den anderen Leuten, die in Grüppchen draußen in der Dämmerung unter den Bäumen stehen und plaudern. Eigentlich würde ich gerne erspüren, was es mit dieser „Social VR“ auf sich hat: die soziale Interaktion in der Virtuellen Realität.

Eigentlich. Weiterlesen

„Wenn Menschen das Wort ‚offline‘ hören, denken sie, dass ich das Internet abschalten will“

Technology Review, April 2016

Ein Doktorand löst eine Identitätskrise, indem er eine Bewegung für mehr offline-Aktivitäten in seinem Fach gründet. Seither arbeiten immer mehr Informatiker daran, uns im realen Leben zusammen zu bringen.

Als Nemanja Memarovic die Zweifel packen, ist es schon zu spät. Er ist bereits Informatiker. Umgeben von einer technischen Welt, von Kollegen, die vor allem wissen wollen, welche neue Technologie er gerade entwickelt, welche hippe App er programmiert, und von Freunden, die schlagfertige Facebook-Posts von ihm erwarten. Bis zu diesen Wochen rund um Weihnachten 2009 lebt er in einer heilen Welt, in der Facebook seine zweite Heimat ist. Dann zieht der junge Serbe aus New Hampshire, USA, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter Fahrerassistenzsysteme erforscht hat, nach Lugano. Dort möchte er promovieren. „Bis dahin kannte ich alle meine Facebookfreunde persönlich“, sagt er rückblickend. Doch das ändert sich schlagartig, als das soziale Netzwerk einen Aufschwung erlebt, immer mehr nur über Ecken Bekannte sich mit dem Uni-Absolventen vernetzen wollen und Memarovic durch seinen Umzug zusätzlich einige neue Kontakte gewinnt. Facebook schien auf einmal zu explodieren. Aus der Heimat wurde Fremde. Und Einsamkeit. „Ich wusste nicht mehr, zu wem ich rede, und vorallem auch nicht mehr, wer mir zuhört.“    Weiterlesen

Sicherheit für jeden

Technology Review 10/2015

Lange Zeit galten Sicherheit und Nutzbarkeit unter Informatikern als unvereinbar. Dabei muss man nur den Menschen und seine Stärken ernst nehmen.

Mantra eines Informatikers: „Lieber Nutzer, bitte verwende ein möglichst komplexes Passwort aus Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen, und nutze  keinesfalls das Gleiche für verschiedene Dienste!“ Lieblingsreaktion des Durchschnitt-Nutzers: „Ok, dann nehme ich 123mail für den Mailaccount und 123ebay für Ebay, 123amazon für Amazon.“ Kein Wunder, dass manch ein Informatiker kapituliert. Aber das ist falsch, findet Emanuel von Zezschwitz von der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Man könnte sagen: die Leute brauchen keine Sicherheit, wenn sie keine wollen, aber damit dürfen wir uns nicht zufrieden geben.“ Das Problem liegt woanders, ergänzt Albrecht Schmidt vom Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion der Universität Stuttgart: „Sicherheit wurde lange von Leuten entwickelt, die nur die mathematische Seite gesehen haben.“  Nur kann sich kaum jemand komplexe Passwörter merken: „Mit dem Menschen im System gibt es keine absolute Sicherheit.“ Wer die menschlichen Fähigkeiten mitdenkt, kann die Sicherheit enorm erhöhen, betont Matthew Smith, Leiter der Arbeitsgruppe Usable Security and Privacy an der Uni Bonn: „80 Prozent gelebte Sicherheit sind besser als 100 Prozent Sicherheit, die keiner nutzt.“ Weiterlesen

Wie sichern wir unsere Unberechenbarkeit?

spektrum.de/Spektrum der Wissenschaft, 1. Oktober 2015 – Link

Brauchen wir neue gesellschaftliche Konventionen angesichts der zunehmenden Automatisierung? Forscher diskutieren, wie unsere Werte im digitalen Umbruch gesichert werden können. Auch der Mensch muss sich dabei neu definieren.

„Entschuldigen Sie bitte, wo ist denn hier die Liste der Dinge, die nicht automatisiert werden sollen?“ Wenn es nach dem Zukunftsforscher Alexander Mankowsky geht, ist das die erste Frage, die man den Verantwortlichen eines Automatisierungsprojektes jeder Art stellen sollte – sei das ein autonomes Auto oder eine Smart City. „Die schauen dann meistens ganz verblüfft“, sagt Mankowsky und grinst. Dabei findet er diese Frage gar nicht abwegig. Der Philosoph interpretiert dieses Bewusstsein über das nicht-Automatisierbare als Indikator dafür, inwiefern die menschliche Freiheit mitgedacht wird. Soziale Wahrnehmung lasse sich nicht automatisieren, und auch der Mensch der Zukunft sollte die Freiheit zur Willkür haben: Spontane Aktivitäten, die eine Maschine nicht vorhersehen kann. Und trotzdem nicht unter die Räder kommen. Weiterlesen

Kommentar: Es ist Zeit aufzuwachen!

spektrum.de, 17. Juli 2015Link

„Bitte beschäftigt euch mit unserer Forschung, sie wird euer Leben verändern“: sinngemäß diese Forderung schreit aus einigen Beiträgen im aktuellen „Science“-Magazin zum Schwerpunkt „Künstliche Intelligenz“ hervor. Die Forscher haben Recht mit ihrem Hilferuf, findet Eva Wolfangel: Es ist Zeit aufzuwachen.

Fahren wir auf eine Klippe zu und hoffen, dass das Benzin leer ist, bevor wir in den Abgrund stürzen? Dieses drastische Bild zeichnet der KI-Pionier Stuart Russel von der University of Califormia in der aktuellen Ausgabe des „Science“-Magazins angesichts all derer, die sagen: Maschinen werden nie intelligenter sein als Menschen. Ob es zu diesem Punkt je kommt, steht in den Sternen. Aber auch das, was selbst lernende Algorithmen heute schon können, fordert eine Neuorientierung der Gesellschaft. Das Bild Russels ist symptomatisch für unseren Umgang mit dem Thema künstliche Intelligenz: Anstatt sich genauer mit dem zu beschäftigen, was die modernen Technologien selbst lernender Systeme an Veränderungen für unser Zusammenleben mit sich bringen, halten wir uns lieber die Augen zu und hoffen, dass es schon gut gehen wird. Einerseits fördert die Gesellschaft entsprechende Entwicklungen mit hohen Fördersummen, andererseits weigern sich Politiker, sich tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen und entsprechende Gesetze auf den Weg zu bringen. Weiterlesen

Wie intelligent können Maschinen sein?

Stuttgarter Zeitung, Tagesthema, 17. Juli 2015

Intelligente Maschinen beschäftigen die Menschen derzeit stark.  Das Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht einen Themenschwerpunkt über die aktuellen Herausforderungen der künstlichen Intelligenz – und ihre Begrenzungen

Sei es das soziale Netzwerk Facebook, das seine User mittels Künstlicher Intelligenz besser kennen lernen und Werbung noch gezielter platzieren will oder Googles Vision, den Menschen künftig Fragen zu beantworten, bevor sich diese ihnen stellen: Künstliche Intelligenz ist derzeit in viel gefragtes Themenfeld. Ein Grund für das Wissenschaftsjournal „Science“, Künstliche Intelligenz in der aktuellen Ausgabe als Themenschwerpunkt zu behandeln. Schließlich wächst das Thema auch in der Wissenschaft, hohe Fördersummen fließen in entsprechende Projekte. Ein mutmaßlich weiterer Grund: Die Sichtweise der Öffentlichkeit – seien es Befürchtungen vor superintelligenten Robotern bis hin zu übergroßen Hoffnungen, was Maschinen alles leisten könnten – weicht bisweilen von der Realität der Forschung ab. In verschiedenen Artikel beschreiben die Forscher die aktuellen Herausforderungen für die Künstliche Intelligenz – und ihre Begrenzungen. Weiterlesen

Die Googlebrille wollte zu viel

Stuttgarter Zeitung, 21. Januar 2015

Was Google jetzt als „Neustart“ für Googleglass ankündigte, ist in Wirklichkeit das Eingeständnis des Scheiterns. Vieles an der Datenbrille war nicht ausgereift. Sie scheiterte aber letztlich an den weniger offensichtlichen, umso grundlegenderen Problemen.

„Neustart für Googleglass“: Was Ende vergangener Woche viele Zeitungen vermeldeten, klingt in den Ohren Unbedarfter vielleicht wie eine positive Nachricht. Und Google tut alles, um disen Eindruck zu verstärken: Das Team rund um die Brille sehe sich nun „einen Schritt weiter vom Konzept hin zur Realität“, ließ der Konzern verlauten. In Wirklichkeit gesteht Google damit aber ein, dass sein Konzept der Datenbrille vorerst gescheitert ist. Schließlich steckt hinter der Meldung die Tatsache, dass die aktuelle so genannte explorers-Version der Brille, die einige Monate lang als öffentliche Testversion für 1500 Dollar an die Öffentlichkeit verkauft wurde, nun eingestellt wird. Im Gegensatz zum früheren Vorgehen rund um die Datenbrille gibt sich Google diesmal verschwiegen, was die Zukunft betrifft. Was in etwa das künftige Modell können soll und wann es auf den Markt kommt – dazu gibt es keine Informationen. Das klingt nach Ratlosigkeit. Zu Recht, wie europäische Forscher meinen. Denn die Brille ist nicht nur an den offensichtlichen Problemen gescheitert. Weiterlesen

Fahrerlos durch die Innenstadt

spektrum.de, 7. Januar 2015 – Link

Forscher tüfteln bereits eifrig daran, dass sich in Zukunft kein Mensch mehr selbst hinter das Steuer seines Wagens setzen muss. Doch eine Probefahrt mit einem selbstfahrenden Auto zeigt ein grundlegendes Problem der modernen Technik auf: Sie macht uns zum ohnmächtigen Beifahrer – und das ertragen wir Menschen nur schwer.

Noch parkt das Wunderwerk der Technik, mit dem ich gleich durch Ulm kurven werde, auf dem Gelände der Universität. Äußerlich ist nicht zu erkennen, dass unter dem Blech die Zukunft des Automobilbaus verborgen liegt: Es ist eines der ersten Autos, das autonom durch eine deutsche Innenstadt fährt.

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Kampf zwischen Hirn und E-Mail-Eingang

spektrum.de, 10. Oktober 2014 Link

Unser Gehirn ist von der wachsenden Informationsflut überfordert, warnen Psychologen. Die Technologie der Zukunft muss uns helfen abzuschalten – manchmal auch sich selbst.

Kurz vor Weihnachten ist Felix Freiling verzweifelt: Das Jahr 2008 neigt sich dem Ende entgegen und in seinem Postfach haben sich mehr als 1000 ungelesene E-Mails angesammelt. 1000 Nachrichten, Anfragen, Einladungen. Allen Absendern zu antworten ist unmöglich für den Informatik-Professor der Universität Erlangen-Nürnberg – zumal täglich Dutzende neue Mails dazu kommen. Während der Feiertage knobelt der Experte für IT-Sicherheitsinfrastrukturen an einer Lösung.

Das Resultat: eine ungewöhnliche und konsequente E-Mail-Policy, die der Entwicklung der modernen Kommunikation angepasst ist. „E-Mails kommen noch aus einer Zeit, als man alle beantworten konnte“, sagt Freiling. Diese Zeiten sind aus seiner Sicht vorbei.

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Hauptsache, der Klick ist intuitiv

Stuttgarter Zeitung, 1. Oktober 2014 – Link

Unser Gehirn spielt den Icon-Designern gerne mal einen Streich und verknüpft die Symbole mit den falschen Dingen. Oder mit nichts.

Am Anfang steht das Wort. Es beschreibt eine Funktion auf dem Computer, für die ein Designer ein Bild kreieren soll. Eines, mit dem die Menschen diese Funktion auf den ersten Blick verbinden: ein Icon. Angesichts der wachsenden Informationsflut sollen uns diese kleinen Bilder helfen, uns auf dem Bildschirm oder dem Handydisplay zu orientieren. Denn Bilder können mehr Informationen zur gleichen Zeit vermitteln als ein Text, erklärt Ralph Tille, Professor für Interaktives Mediendesign an der Stuttgarter Hochschule der Medien: „Unser Gehirn kann nur ein Wort nach dem anderen erfassen, Bilder werden häufig als Gesamtheit verarbeitet.“ Ein gutes Icon kann daher besser zu verstehen sein als die gleiche Information in Textform. Es gibt aber Grenzen: wenn es zu viele abstrakte Funktionen repräsentieren muss, ist es kaum möglich, ein einprägsames Icon zu entwickeln. Kleiner Test: Wer weiß aus dem Kopf das Icon für „Systemsteuerung“ im Windows-Menü? Die meisten werden hier passen müssen. Wir finden den Ordner „Systemsteuerung“ trotzdem, weil wir auswendig gelernt haben, wo er steht. Ein gutes Icon vermittelt seinen Inhalt hingegen intuitiv. „Komplexere Bedienhandlungen sind schwer darzustellen“, sagt Tille. Hinter „Systemsteuerung“ verbergen sich zu viele Funktionen. Und wer zu viel in einem kleinen Bild verpacken will, wird wahrscheinlich scheitern. „Speichern unter“ ist dagegen eine simplere Funktion – auf den ersten Blick.

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