Die Spione, die ich liebte

Stuttgarter Zeitung, 10. November 2017

Die Technikjournalistin Eva Wolfangel hat in unzähligen Artikeln vor datenhungrigen Apps gewarnt. Im Selbstversuch während einer Recherchereise in die USA verliebt sie sich allerdings in deren allumfassenden Service und kann auf einmal verstehen, wieso Menschen gerne verdrängen, dass ihre Bewegungsprofile auf amerikanischen Servern liegen und Uber weiß, mit wem sie eine Affäre haben.

Als ich in diesem Sommer den Spion in mein Leben ließ, hatte ich noch kein Ahnung, wie schwer es werden würde, mich von ihm wieder zu trennen.
Es geschah irgendwie zufällig, wie so viele Dinge im Leben, die einem die Augen öffnen in Momenten, mit denen man nicht damit rechnet. Weiterlesen

Kamera aus!

Süddeutsche Zeitung am Wochenende, 29. Juli 2017

In Bildern stecken mehr Informationen, als sich die meisten Menschen vorstellen können. Angesichts der wachsenden Zahl an Kameras tüfteln Forscher an Konzepten, um den Schutz der Privatsphäre in der Technik zu verankern. Doch auch das hat seine Tücken.

Die Künstliche Intelligenz stellt fest: Im Restaurant Zunfthaus zur Waag im historischen Zentrum Zürichs sitzen 35 Gäste, weitere 24 genießen die Sonne unter den Sonnenschirmen, darunter eine ungewöhnlich große Gruppe. Im Haus sind aktuell acht Bewohner, der erste hat es heute um 6.45 Uhr verlassen, normalerweise kehren die letzten gegen 23 Uhr zurück. Die Fassade ist relativ frisch gestrichen, doch es zeigen sich erste kleine Schäden unterhalb eines Fensters im dritten Stock. Durch die oberen Fenster fällt am meisten Licht, zwei davon sind geöffnet, in den mittleren spiegelt sich das Haus gegenüber. Es finden sich kaum freie Parkplätze in der Nähe, und am benachbarten Paradeplatz sammeln sich auffällig viele Menschen. Vielleicht sollte man dort eine Polizeistreife vorbeischicken, nur sicherheitshalber, und vielleicht sollte man der Mutter des Kindes, das sein Zimmer im vierten Stock zur Sonnenseite hat, zu einer Verdunkelung raten, denn das System hat berechnet, dass der Raum um diese Zeit stark aufheizt, da das Fenster mit seiner Größe von 2,2 mal 1,5 Meter und dieser Ausrichtung viel Sonne hereinlässt. Weiterlesen

Die perfekte Erinnerung

DIE ZEIT, 21. Januar 2016

Lässt sich alles, was wir erleben, digital speichern? Informatiker arbeiten daran. Wie ich Teil eines Experiments wurde.

Der Cyborg, der mir im Frühling 2013 in einem Stuttgarter Cafe gegenüber sitzt, sieht aus wie ein ganz normaler Mitvierziger mit leichten Geheimratsecken, in Hemd und Jeans. Nur sein türkiser Brillenbügel ist auffällig breit. Am vorderen Ende ist eine kleine Kamera eingearbeitet und ein Prisma. Seine rechte Hand steckt in der Hosentasche.

Thad Starner ist nicht allein. Er hat sein »System« bei sich. Das erkennt man an seiner Googlebrille und einer nahezu unsichtbaren rechteckigen Spiegelung auf seiner Netzhaut. In seiner Hosentasche hat er eine Fünffinger-Tastatur. Starner ist Informatikprofessor am Georgia Institute of Technology und ein Pionier der Erforschung anziehbarer Computer (wearable computing). Fast sein halbes Leben lang, seit mehr als 20 Jahren, trägt er wechselnde Versionen eines Prototypen am Körper. Er sieht sein »System« als Erweiterung seines Gehirns.

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