Die perfekte Erinnerung

DIE ZEIT, 21. Januar 2016

Lässt sich alles, was wir erleben, digital speichern? Informatiker arbeiten daran. Wie ich Teil eines Experiments wurde.

Der Cyborg, der mir im Frühling 2013 in einem Stuttgarter Cafe gegenüber sitzt, sieht aus wie ein ganz normaler Mitvierziger mit leichten Geheimratsecken, in Hemd und Jeans. Nur sein türkiser Brillenbügel ist auffällig breit. Am vorderen Ende ist eine kleine Kamera eingearbeitet und ein Prisma. Seine rechte Hand steckt in der Hosentasche.

Thad Starner ist nicht allein. Er hat sein »System« bei sich. Das erkennt man an seiner Googlebrille und einer nahezu unsichtbaren rechteckigen Spiegelung auf seiner Netzhaut. In seiner Hosentasche hat er eine Fünffinger-Tastatur. Starner ist Informatikprofessor am Georgia Institute of Technology und ein Pionier der Erforschung anziehbarer Computer (wearable computing). Fast sein halbes Leben lang, seit mehr als 20 Jahren, trägt er wechselnde Versionen eines Prototypen am Körper. Er sieht sein »System« als Erweiterung seines Gehirns.

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Hauptsache, der Klick ist intuitiv

Stuttgarter Zeitung, 1. Oktober 2014 – Link

Unser Gehirn spielt den Icon-Designern gerne mal einen Streich und verknüpft die Symbole mit den falschen Dingen. Oder mit nichts.

Am Anfang steht das Wort. Es beschreibt eine Funktion auf dem Computer, für die ein Designer ein Bild kreieren soll. Eines, mit dem die Menschen diese Funktion auf den ersten Blick verbinden: ein Icon. Angesichts der wachsenden Informationsflut sollen uns diese kleinen Bilder helfen, uns auf dem Bildschirm oder dem Handydisplay zu orientieren. Denn Bilder können mehr Informationen zur gleichen Zeit vermitteln als ein Text, erklärt Ralph Tille, Professor für Interaktives Mediendesign an der Stuttgarter Hochschule der Medien: „Unser Gehirn kann nur ein Wort nach dem anderen erfassen, Bilder werden häufig als Gesamtheit verarbeitet.“ Ein gutes Icon kann daher besser zu verstehen sein als die gleiche Information in Textform. Es gibt aber Grenzen: wenn es zu viele abstrakte Funktionen repräsentieren muss, ist es kaum möglich, ein einprägsames Icon zu entwickeln. Kleiner Test: Wer weiß aus dem Kopf das Icon für „Systemsteuerung“ im Windows-Menü? Die meisten werden hier passen müssen. Wir finden den Ordner „Systemsteuerung“ trotzdem, weil wir auswendig gelernt haben, wo er steht. Ein gutes Icon vermittelt seinen Inhalt hingegen intuitiv. „Komplexere Bedienhandlungen sind schwer darzustellen“, sagt Tille. Hinter „Systemsteuerung“ verbergen sich zu viele Funktionen. Und wer zu viel in einem kleinen Bild verpacken will, wird wahrscheinlich scheitern. „Speichern unter“ ist dagegen eine simplere Funktion – auf den ersten Blick.

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Dein Smartphone erkennt dich

Bild der Wissenschaft 01/13
Niemand merkt sich gerne komplizierte Passwörter, deshalb sind digitale Daten oft miserabel geschützt. Informatiker tüfteln an alternativen Techniken, die menschliche Stärken nutzen.

Starten wir mit einer Frage in die Runde: Verwenden Sie das Passwort „123456″? Oder „passwort1″? Ja? Sie brauchen sich nicht zu schämen: Sie befinden sich in guter Gesellschaft – der Mehrheit. „Der Mensch ist nicht dazu gemacht, sich komplizierte alphanumerische Passwörter zu merken“, sagt Emanuel von Zezschwitz vom Institut für Informatik der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU).

Passwörter sollen für digitale Sicherheit sorgen. Sie sollen Unbefugte daran hindern, Daten auf dem Smartphone auszuspionieren, sich von fremden Konten zu bedienen oder im Internet unter anderem Namen einzukaufen. Nur: Sichere Passwörter kann sich niemand merken. Deshalb nutzen die meisten Menschen Passwörter wie „12345″, „iloveyou“ oder „Passwort1″ – und geben damit die Sicherheit ihrer Daten auf. Denn das sind die ersten Kombinationen, die Hacker testen, wenn sie ein Konto oder einen Online-Zugang knacken wollen.

Von Zezschwitz und seine Kollegen forschen daher an neuen Möglichkeiten für ein sicheres Login, die Nutzer nicht überfordern. Denn, auch das haben die Münchner Forscher herausgefunden: Die menschliche Toleranz für Sicherheitsmaßnahmen ist sehr gering. Weiterlesen

Die verschlungenen Wege der Menschen

spektrum.de, 21. Januar 2013online

Fußgänger sind unkalkulierbar. Welche Wege sie wählen, ist nach wie vor die große Unbekannte in der Forschung. Physiker und Soziologen haben daher ein neues Modell entwickelt, das auch psychologische Faktoren in Zahlen übersetzt. Passanten werden damit berechenbar, ihre Bedürfnisse können besser berücksichtigt werden – wenn Stadtplaner umdenken.

Wer sein Büro hoch über einem Universitätscampus hat, kommt beim Blick aus dem Fenster wohl nicht umhin, den Kopf zu schütteln über die Eigenheiten der Menschen: Er sieht ordentlich angelegte Wege von ausreichender Breite, die rechtwinklig aufeinandertreffen und alle Gebäude des Campus miteinander verbinden – und zwischendrin matschige Trampelpfade quer über Wiesen und durch Parkanlagen, die den Weg vom Institut zur S-Bahn-Station oder vom Studentenwohnheim zur Mensa abkürzen, teilweise nur um wenige Meter.

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Dampf im Kessel

Der Tagesspiegel, 29.08.2010  –  pdf

Der Schauspieler Walter Sittler steht an der Spitze der Protestbewegung gegen das Projekt Stuttgar 21. Eine Protestwoche an der Seite des späten aber kompromisslosen Rebellen zeigt, wieso es im Stuttgarter Talkessel brodelt.

40 000 tanzen nach seiner Pfeife. Die Pfeife baumelt an einem roten Band um den Hals von Walter Sittler. Sie ist seit Wochen sein wichtigstes Utensil. Der Schauspieler steht auf der Rednertribüne vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, hebt die Hände und fängt an, von zehn abwärts zu zählen. Bei „acht“ stimmen die 40 000 Menschen auf der Freitagsdemonstration mit ein, 7,6,5,4. Bei „eins“ holt Sittler tief Luft, die Menge mit ihm, bei „null“ bläst er in die Pfeife: Auf vom Platz vor ihm ertönt ein ohrenbetäubender Lärm. 40 000 Menschen trillern, trommeln, schreien. Nach genau einer Minute hebt Sittler wiederum die Arme und streicht wie ein Dirigent am Ende des Stückes quer durch die Luft. Schlagartig Ruhe. „Oben bleiben!“, skandiert der Schauspieler dann den Schlachtruf der Gegner des geplanten Tiefbahnhofes. Der Stuttgarter Talkessel hallt wider vor Protestrufen.

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Die Brennpunktkicker

Stuttgarter Zeitung, 08.10.2009pdf

Früher hieß der Verein Hilalspor und hatte nur türkische Mitglieder. Heute treten beim FC Stuttgart Spieler aus dreizehn Nationen gegen den Ball. Die C-Jugendlichen Pa-Kully, Sinan und Wael träumen von einer großen Karriere.

Am Hallschlag, wo die Häuser gleichförmig Schlange stehen, eines am anderen, drei Stockwerke, immer gleich, da ist Pa-Kullys Zzuhause. Abends spielt er auswärts. Die massiven Eisenstäbe rattern laut mit jedem Ball, den Pa-Kully und seine Freunde energisch gegen das Metall kicken. Pa-Kully hat breite Schultern und Hummeln im Hintern. „Let’s play Fußball“, ruft er. Oder: „He, rennt doch mal.“ Und, zum Kleinsten in der Gruppe: „Chill doch mal mit dem Ball, chill doch.“

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