Die perfekte Erinnerung

DIE ZEIT, 21. Januar 2016

Lässt sich alles, was wir erleben, digital speichern? Informatiker arbeiten daran. Wie ich Teil eines Experiments wurde.

Der Cyborg, der mir im Frühling 2013 in einem Stuttgarter Cafe gegenüber sitzt, sieht aus wie ein ganz normaler Mitvierziger mit leichten Geheimratsecken, in Hemd und Jeans. Nur sein türkiser Brillenbügel ist auffällig breit. Am vorderen Ende ist eine kleine Kamera eingearbeitet und ein Prisma. Seine rechte Hand steckt in der Hosentasche.

Thad Starner ist nicht allein. Er hat sein »System« bei sich. Das erkennt man an seiner Googlebrille und einer nahezu unsichtbaren rechteckigen Spiegelung auf seiner Netzhaut. In seiner Hosentasche hat er eine Fünffinger-Tastatur. Starner ist Informatikprofessor am Georgia Institute of Technology und ein Pionier der Erforschung anziehbarer Computer (wearable computing). Fast sein halbes Leben lang, seit mehr als 20 Jahren, trägt er wechselnde Versionen eines Prototypen am Körper. Er sieht sein »System« als Erweiterung seines Gehirns.

Weiterlesen

Der quantifizierte Patient

Neue Züricher Zeitung, 20. Mai 2015

Das Interesse an anziehbaren Computern wächst in Medizin, Psychologie und im Leistungssport. Intelligente Brillen und Uhren können Krankheiten oder die perfekte Bewegung berechnen.

Computer-Uhren und smarte Brillen, Fitnessarmbänder und intelligente Laufschuhe: Wer sich dieser Tage auf den Elektronik-Messen herumtreibt, könnte schnell den Eindruck gewinnen, dass „Wearable Computing“ die Lösung für alle unsere Probleme ist. Aber Wissenschaftler dämpfen die Erwartungen. „Vieles ist hochgepoppt, aber jetzt kommt die große Ernüchterung“, fürchtet Gerhard Tröster, Leiter des Elektronik-Labors der ETH Zürich. Ihn treibt wie viele Informatiker die Frage nach dem Usecase – dem Anwendungsfall – der anziehbaren Computer um. Denn auch speziellere Anwendungen, wie sie Fitnessarmbänder versprechen, könnten schnell das Interesse der Kunden verlieren. „Die Quantified-Self-Welle wird schnell wieder abebben“, prognostiziert Tröster. Zudem seien diese Geräte häufig billig gemacht und nicht klinisch getestet, ergänzt Kristof Van Laerhoven, Professor für eingebettete Systeme an der Universität Freiburg: „Was habe ich von einem Messergebnis, von dem ich nicht weiß, ob es richtig ist?“ Wissenschaftlich geprüfte Geräte seien zwar deutlich teurer, Van Laerhoven prognostiziert ihnen aber langfristig eine bessere Marktchance. Schließlich seien Wearables gut geeignet, um physiologische Werte zu messen und Aktivitäten auszuwerten.

Gerade im medizinischen Bereich entstehen aktuell viele Prototypen, die eingearbeitet in Kleidungsstücke beispielsweise Herz-Rhythmus- oder Durchblutungsstörungen erkennen können. Trösters Vision geht darüber hinaus: Daten über physiologische Vorgänge und Aktivitäten eines Menschen können auch Aufschluss über dessen psychische Situation geben. „Ein Psychologe erkennt viele Störungen auf den ersten Blick, er arbeitet mit seinen fünf Sinnen“, sagt Tröster. „Wenn er es sieht, muss man es auch messen können.“
Weiterlesen

„Smartphones werden sich nicht halten“

Technology Review 4/2015 – Auszug

Thad Starner trägt seit mehr als 20 Jahren einen Computer am Körper. Ohne ihn fühlt er sich unselbstständig. Und das wird uns allen eines Tages auch so gehen, prophezeit er.

Ein Mann, der nach zwei Jahren noch jedes Wort eines Gesprächs weiß, ist genial, sehr verliebt oder ein Cyborg. Thad Starner ist letzteres. Der Pionier für Wearable Computing trägt seit 22 Jahren einen Computer am Körper so selbstverständlich wie andere ihre Kleider. Früher in Form eines Kastens an der Hüfte, einer klobigen Displaybrille und eines Twiddlers in der Hosentasche, einer Tastatur, die er blind bedienen kann. „Der Computer ist Teil von mir geworden, ich bin eine Art Cyborg“, sagt er. Mit seinem System hat er einst seine Dissertation beim Spazieren  geschrieben, später bereitete er seine Vorlesungen auf dem Büro-Sofa liegend vor. „Wenn Studenten hereinkamen dachten sie immer, ich schlafe“, erinnert er sich lachend. Weiterlesen

Gesundheitsdaten gehören nicht in die Cloud

Kommentar auf spektrum.de, 27.3.2015Link

Fitness-Apps speichern Daten im Netz, selbst Ärzte greifen darauf zurück. Wer Zugang zu diesen hat, weiß mehr über uns, als uns lieb ist. In Zukunft könnten wichtige Entscheidungen anhand von diesem Wissen getroffen werden. Deshalb gehört es besser geschützt.

Viele Sportler nutzen Fitnesstracker, um ihr Training zu optimieren. Die Daten werden in der Cloud gespeichert, denn für eine lokale Speicherung und Auswertung sind die mobilen Geräte häufig nicht leistungsfähig genug. Eine wachsende Zahl an Apps bietet sich darüber hinaus an, Gesundheitsdaten von verschiedenen tragbaren Geräten zu sammeln, im Netz zu speichern und auszuwerten. Auch Mediziner setzen verstärkt darauf, Patientendaten online zu speichern, denn dort seien sie „sicher und stets verfügbar“, wie beispielsweise ein Arzt sagt, der Piloten auf ihre Flugtauglichkeit hin untersucht und eine Cloudlösung von IBM nutzt.

„Stets verfügbar“ sind sie dort unbestritten – nur eventuell für die Falschen. Weiterlesen

Die Googlebrille wollte zu viel

Stuttgarter Zeitung, 21. Januar 2015

Was Google jetzt als „Neustart“ für Googleglass ankündigte, ist in Wirklichkeit das Eingeständnis des Scheiterns. Vieles an der Datenbrille war nicht ausgereift. Sie scheiterte aber letztlich an den weniger offensichtlichen, umso grundlegenderen Problemen.

„Neustart für Googleglass“: Was Ende vergangener Woche viele Zeitungen vermeldeten, klingt in den Ohren Unbedarfter vielleicht wie eine positive Nachricht. Und Google tut alles, um disen Eindruck zu verstärken: Das Team rund um die Brille sehe sich nun „einen Schritt weiter vom Konzept hin zur Realität“, ließ der Konzern verlauten. In Wirklichkeit gesteht Google damit aber ein, dass sein Konzept der Datenbrille vorerst gescheitert ist. Schließlich steckt hinter der Meldung die Tatsache, dass die aktuelle so genannte explorers-Version der Brille, die einige Monate lang als öffentliche Testversion für 1500 Dollar an die Öffentlichkeit verkauft wurde, nun eingestellt wird. Im Gegensatz zum früheren Vorgehen rund um die Datenbrille gibt sich Google diesmal verschwiegen, was die Zukunft betrifft. Was in etwa das künftige Modell können soll und wann es auf den Markt kommt – dazu gibt es keine Informationen. Das klingt nach Ratlosigkeit. Zu Recht, wie europäische Forscher meinen. Denn die Brille ist nicht nur an den offensichtlichen Problemen gescheitert. Weiterlesen

„Der Computer ist mein erweitertes Ich“

spektrum.de, 22. März 2013Link

Thad Starner, 43, ist einer der Pioniere des Wearable Computing: Seit mehr als 20 Jahren trägt er einen Computer am Körper wie andere ein Unterhemd oder eine Jacke. Der Professor am Georgia Institute of Technology (USA) hat sich ein zweijähriges Sabbatical genommen, um die Googlebrille mit zu entwickeln. Aktuell testet er als einer der technischen Leiter die Brille auf ihre Alltagstauglichkeit. Das stellt ihn vor ein Problem: sie hat nicht alle Funktionen seines alten Systems. Ein Gespräch über die Möglichkeiten und Grenzen moderner Computertechnologie und darüber, wie sie unser Leben verändert.

Weiterlesen

Technik für die Sinne

Stuttgarter Zeitung, 9. März 2013pdf

Ausgewählte Forscher aus aller Welt stellen in Stuttgart Technologien vor, die dem Menschen zu neuen Fähigkeiten verhelfen sollen. Was manchmal wirkt wie Science-Fiction ist doch für den Alltag gedacht.

Stuttgart – Der schwarz gekleidete, schwer verkabelte Mann sieht aus, als käme er direkt aus der Zukunft. Er spaziert durch die Menschenmenge, und sobald sich ihm jemand nähert, bewegen sich einige der vielen Sensoren an seinem Körper. Doch der Mann kommt aus der Gegenwart. „SpiderSense“ heißt die Entwicklung, die Victor Mateevitsi von der University of Illinois auf der internationalen Konferenz „Augmented Human“ (Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten) an der Universität Stuttgart vorgestellt hat.

Weiterlesen