Tim K.s Vater kam, schwieg und enttäuschte

stern.de, 16.09.2010  –  online

Die Opferangehörigen des Amoklaufs von Winnenden kamen mit großen Erwartungen zum Prozessauftakt, aber die erste Verhandlung brachte sie auf. Vielen war das Aufeinandertreffen zu schmerzhaft.

Barbara Nalepa sitzt mit rot verweinten Augen im Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts, auf dem Tisch vor ihr eine Packung Taschentücher, das Foto ihrer verstorbenen Tochter Nicole in der Hand. Es ist nicht einfach für sie und auch nicht die anderen Angehörigen der Opfer des Amoklaufs von Winnenden. Seit mehr als einem Jahr warten sie auf diesen Tag. Sie wollen dem Vater des Täters in die Augen sehen, mit dessen Waffe Tim K. am 11. März 2009 15 Menschen, großteils Schülerinnen seiner ehemaligen Schule, und dann sich selbst erschoss.

„Wir wollen wissen, was das für ein Mann ist“, hat Gisela Mayer, die Mutter der ermordeten Referendarin Nina Mayer, kurz zuvor im Namen der Nebenkläger vor dem Gerichtsgebäude gesagt. „Er war auch ein Vater, der ein Kind großziehen wollte.“ Hätte er die Signale seines Sohnes richtig verstanden und dessen seelische Probleme ernst genommen, so die Sicht vieler Nebenkläger, hätte er die Waffe besser verschließen oder „ganz aus dem Haus schaffen müssen“, wie es ein Anwalt formuliert. Deshalb wollen sie eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung und nicht nur wegen des derzeit vor Gericht verhandelten Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Aber eigentlich geht es vielen Angehörigen nicht um die Höhe der Strafe, nicht um Juristerei, sie suchen Antworten auf das Warum, sie wollen die Ereignisse aufarbeiten. Dafür wollen sie die Konfrontation mit Jörg K., dem Vater des Täters. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwer dieser Weg ist“, sagt Gisela Mayer, „aber der richtige Weg ist nicht immer der Einfachste.“

Jörg K. lässt lange auf sich warten. Er will nicht gefilmt und fotografiert werden, obwohl das Gericht dies vor Beginn der Verhandlung ausdrücklich zugelassen hatte. Erst als die Kameraleute den Saal verlassen haben, nimmt her viel zu spät seinen Platz ein. Darüber ärgert sich auch der Richter: „Leider“, sagt er, „gibt es hierfür keine Zwangsmaßnahmen.“ Jörg K. betritt den Gerichtssaal, ohne um sich zu blicken. Barbara Nalepa beobactet genau, wie der Mann mit der Halbglatze und dem grauen Vollbart neben seinen beiden Anwälten Platz nimmt. Dann schüttelt sie den Kopf und schaut lange auf das Foto ihrer Tochter, das sie nicht aus der Hand legt.

41 Nebenkläger sind für den Prozess zugelassen, die meisten davon Eltern getöteter Kinder, sowie Jugendliche, die vom Täter angeschossen wurden und überlebt haben. Zusammen mit ihren 19 Rechtsanwälten sind sie eine Gruppe von 60 Menschen, die von Jörg K. Aufklärung erwarten. Dem ist die Aufmerksamkeit sichtlich unangenehm. Hinter seinen Verteidigern versteckt, lauscht er der Verlesung der Nebenkläger, eine Liste undenkbaren Leids. „Für wen sind Sie hier?“, fragt der Richter jeden Einzelnen. Die Angehörigen antworten gefasst, wenn auch leise „für meine ermordete Tochter“, „für meinen getöteten Mann“.

Erst zwei Stunden nach dem geplanten Prozessbeginn kommt es zur Verlesung der Anklageschrift. Aber es ist nicht nur in dieser Hinsicht ein ungewöhnlicher Prozess. Im Saal sind nicht nur zahlreiche Beamte mit schusssicheren Westen, sondern auch Zeugenbegleiter und ein Seelsorger. Ein weiterer Gerichtssaal wird als Rückzugsraum für die Nebenkläger freigehalten. Es ist für alles vorgesorgt, offenbar wusste keiner so recht, was von diesem Prozess zu erwarten ist.

Dazu passt auch die Eröffnungserklärung der beiden Anwälte von Jörg K., ein juristisches Mittel, das selten in Anspruch genommen wird. Noch bevor ihr Mandant zur Sache befragt wird, erklären sie: „Wir sprechen auch für den Vater von Tim, wenn wir sagen, dass unser aller Mitgefühl den Angehörigen gilt.“ Sie sprechen vom „unermesslichen Leid“, dem „Verlust von nahen Menschen“, um dann auf ihr Prozessziel zu verweisen: Das Absehen von einer Strafe für Jörg K., der ja schon die „schweren Folgen der Tat“ zu tragen habe. Als der Satz „Der Vater von Tim liebte seinen Sohn“ fällt, wird es einigen Angehörigen zu viel. Sie verlassen den Saal, manche kämpfen mit den Tränen. Verteidiger der Nebenkläger werfen ihren Kollegen mangelnde Einfühlsamkeit vor.

Kurz darauf erklärt Jörg K., dass er keine Angaben machen wolle, nicht einmal zur Person, gar nichts wolle er sagen in diesem Prozess. „Feigling“, tönt es aus dem Publikum, aber das überhört der Richter und bittet die Verteidiger, anstelle des Angeklagten die Erklärung zur Person zu verlesen. Um persönliche Verhältnisse geht es dabei nur am Rande, ein Großteil klingt wie ein Appell an die Öffentlichkeit, das Leid von Jörg K. wahrzunehmen. Die Anwälte sprechen von Morddrohungen, Selbstvorwürfen und „der ständigen Frage nach dem Warum“.

Das geht auch Juri Minasenko zu weit. Lange hat er den Prozess auf der Nebenklagebank reglos verfolgt. „Das nehme ich ihm nicht ab, dass er mit uns trauert“, sagt er, „ich habe alles verloren, meine einzige Tochter.“ Er hat für den Prozess gekämpft, weil er aufklären will, nicht zuletzt, um die Gesellschaft zu schützen und Amokläufe zu verhindern. Er hat viele Fragen an den Vater des Mörders: Welche Rolle hat er in der Erziehung gehabt? Wieso hat er es nicht gesehen? „Ich will nichts über sein Leid hören, das beleidigt uns Eltern.“ Auch Gisela Mayer ist am Ende des ersten Prozesstages enttäuscht. „Ich hätte von Jörg K. etwas Haltung erwartet, wenigstens ein persönliches Wort, wenigstens eine selbst verlesene Erklärung.“

Der Angeklagte wird die Erwartungen der Nebenkläger nicht erfüllen. Auch die bisher angesetzten 27 Prozesstage werden maximal eine Annäherung an die Antwort auf die „ständige Frage nach dem Warum“ ergeben.

von Eva Wolfangel

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